Das Armutsideal im Mittelalter

 

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(C) Von Uta-Maria Freckmann

Hier wird der Armutsaspekt angesprochen, der für viele Semireligiöse, oftmals auch für die Beginen, einen wichtiger Aspekt in der Nachfolge Christi darstellte. Zum Armutsideal im Mittelalter gibt es viele Missverständnisse, die dazu führen können, dass man falsch handelt und Hab und Gut als hinderlich für spirituelles Wachstum verwirft. Vielleicht deshalb, weil man es als weltliche Falle, verfänglich oder nachteilig definiert. Damals haben sich adelige Frauen und Männer der Armut verpflichtet, um ihren Mitmenschen zu helfen und Christus nachzufolgen. Das hieß allerdings für sie oft, ihre Diener zu behalten oder Bücher, die damals wertvolle Luxusgüter waren, in ihre "Armut" mitzunehmen. Historisch ist das überliefert und es schien in keinem Widerspruch zu stehen. Das zeigt, dass Armut im Vergleich zum Luxusleben Adeliger verstanden wurde. Armut hieß nicht unbedingt, vollkommen mittellos zu sein und auf der Straße zu leben, wie es heute manchmal verstanden und für die Armutsbewegung im Mittelalter definiert wird.

Die Gestaltungsmacht der Beginen
  
Beginen mussten ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften. Diese wirtschaftliche Eigenständigkeit war eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sie ihr Leben selbst gestalten und innerhalb der Gesellschaft eigenständig wirken konnten. Beginen, die als wohlhabende Erbinnen in einen Konvent eintraten oder ihn gründeten, mussten ihren Besitz klug verwalten können. 
Dem steht das christliche Ideal der Armut gegenüber. In den Evangelien findet sich die Warnung vor der Bindung an Reichtum: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“ (Mt 19,24). Franz von Assisi nahm dieses Armutsideal besonders radikal auf. Mit seiner freiwilligen Besitzlosigkeit wollte er Christus nachfolgen und zugleich einen Gegenentwurf zum materiellen Prunk und Reichtum des Klerus seiner Zeit verkörpern. Die radikale Form dieser Armut ließ sich innerhalb der entstehenden franziskanischen Bewegung allerdings auf Dauer nicht vollständig aufrechterhalten.

Das innere Loslösen vom Besitz

Im Kern ging es beim christlichen Armutsideal jedoch nicht allein um die Abwesenheit von Besitz. Entscheidend war vielmehr die innere Haltung dazu, denn es galt und gilt noch heute: Nicht der Besitz sollte den Menschen besitzen. Es ging und geht um das Nicht-Anhaften an Hab und Gut – darum, Eigentum zu nutzen, ohne sich innerlich von ihm abhängig zu machen. Gerade hier zeigt sich eine besondere Gestaltungsmacht der Beginen: Wirtschaftliche Eigenständigkeit und ein bewusster Umgang mit Besitz konnten miteinander verbunden werden. Besitz und Einkommen waren nicht zwangsläufig Selbstzweck, sondern konnten die Grundlage dafür bilden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen mit gemeinsam gestalteten Projekten für die Mitwelt. Es ist überliefert, dass Beginen Frauen aus dem Elend der Straße befreiten, dass sie Kranke pflegten, Essen an Arme verteilten und mehr.


Mechtild von Magdeburg wusste das

Deshalb spricht Mechthild von Magdeburg mit ihrem Sinnspruch hier direkt die in Armut Lebenden an! Denn an Hab und Gut kann man auch als armer, oder gut situierter Mensch hängen, dazu muss man nicht reich sein. Um dem Armutsideal zu entsprechen, geht es allein darum, die Welt mit ihren Verführungen, Gütern, Geld und Reichtum loszulassen und alles, was einem gehört, als göttlichen Besitz anzusehen. Geld und Gut können wertvolle Hilfen sein, wenn sie als Besitz Gottes betrachtet und entweder der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt, Projekte damit unterstützt werden oder Gutes getan wird. So kann Reichtum für das Weltwohl förderlich sein, der Mitwelt oder höheren Plänen dienen und Gutes unterstützen. Ein Luxusleben und in Saus und Braus zu leben, ist genauso wenig zielführend für den spirituellen Weg, wie in tiefster Armut zu leben. Hier, wie in allen Dingen, ist der Mittelweg anzustreben, denn absolute Armut kann dazu führen, handlungsunfähig zu werden.