Wie Gemeinschaft gelingen kann

 


Teil 2 -  von Uta-Maria Freckmann (C) Auszug aus Heft 2 der Beginen heute


Gemeinschaft definieren

Was ist überhaupt Gemeinschaft und wie zeigt sie sich im Alltagsgeschehen? Schon hier fangen die Schwierigkeiten an, denn niemand hat jemals festgelegt, wie Gemeinschaft genau definiert sein sollte. Wäre auch kaum möglich, denn in jeder Gemeinschaft werden andere Prioritäten gesetzt. Wie eine jede sich eine Gemeinschaft wünscht und welche unausgesprochenen Vorstellungen davon in ihrem Kopf existieren, gilt es für jede Gemeinschaft zu ermitteln.


Unausgesprochene Wünsche

Die Auffassungen von einer gelungenen Gemeinschaft sind genauso vielfältig, wie es Menschen gibt. Sie beginnen bei gelegentlicher Unterstützung im Alltag und enden bei der Übernahme jedweder Aufgaben im Tausch. WG-erfahrene Frauen haben vollständig andere Vorstellungen davon, als beispielsweise Single-Frauen, die im Alter wegen der Angst vor Vereinsamung Gemeinschaft wünschen. Deshalb ist mit das Wichtigste beim Start eines Gemeinschaftsprojekts, das Kennenlernen der (geheimen) Vorstellungen einer jeden.


Aufeinander eingehen

Da kann ein gut formulierter Fragebogen Hilfestellung leisten. Dieser wird umso effektiver, je mehr man in der Gemeinschaft die einzelnen Punkte anspricht und sich über die Vorstellungen jeder Frau austauscht. In den meisten Kennenlerngruppen wird diese Tiefe in der Herangehensweise ausgelassen und man bespricht mehr die Ideen zum Projekt (wo soll das Haus stehen und wie soll es aussehen, wie aufgeteilt sein etc.) Man lernt sich aber über die Sache nicht wirklich kennen! Das Diskutieren und Entscheiden über Vorgehensweisen bringt nicht sehr viel näher, sondern das Ergründen der Lebensumstände, das Kennenlernen der Talente und Fähigkeiten jeder einzelnen Frau. Dazu gehören die Interessen, moralische und ethische Grundsätze, politische Meinungen und allerlei Vorlieben. Akzeptanz und Verständnis für das Verhalten anderer erwächst mit dem Wissen um die Beweggründe ihres Tuns.


Psychologisches Wissen

Das Wissen über psychologische Zusammenhänge kann eine gute Grundlage für den Umgang miteinander sein. Wer davon ausgeht, dass jede Ablehnung einer anderen Frau etwas mit den eigenen Glaubenssätzen zu tun hat, wird nicht einfach das Gegenüber angreifen, sondern diesen wertvollen Spiegel nutzen, um sich selbst besser kennenzulernen. Eine bereichernde Denkweise, aber nicht jede kann sich damit anfreunden, wenn sie vorher noch nie etwas davon gehört hat. In der Psychologie nennt man das Übertragen eigener Eigenschaften „Projektionen“. Projektionen gibt es auch im positiven Sinne. Eine positive Projektion ist z.B., wenn man jemanden auf Anhieb mag! Dann sieht man (zumeist unterbewusst) Eigenschaften im anderen, die man interessant findet, was eigentlich nur bedeutet, dass man diese bei sich selbst noch besser entwickeln sollte. Projektion ist der Mechanismus, bei dem man eigene Gefühle, Eigenschaften oder Absichten, die man nicht wahrhaben will, unbewusst einer anderen Person zuschreibt. Ein Seminar über Projektionen und wie man diese auflöst, kann sehr hilfreich sein für den Gruppenzusammenhalt.


Eine gesunde Streitkultur lernen

Ein indianisches Sprichwort besagt: "Gehe hundert Schritte in den Mokassins eines anderen, wenn du ihn verstehen willst“. Dass es Meinungsverschiedenheiten innerhalb von Gemeinschaften gibt, ist normal. Der Umgang damit gibt darüber Auskunft, ob jemand gemeinschaftsfähig ist oder nicht. Neid, Ablehnung, Eifersucht, Missgunst, haufenweise Missverständnisse im Sprachgebrauch und per E-Mail sind keine Ausnahme in Gemeinschaften, sondern sie kommen in allen Gemeinschaften vor! Am besten man weiß vorab, dass es so etwas gibt und es kein Grund zur Verzweiflung ist. Sich deswegen zu schämen oder Versuche zu unterlassen, diese Missstände aufzulösen, ist kontraproduktiv und wäre sehr schade. Alle müssen lernen damit umzugehen, bevor die Gemeinschaftstreffen und damit jede Möglichkeit Zusammenhalt zu erfahren, aus Überdruss abgelehnt werden.


Zusammenhalt durch Kennenlernen

Eine wirklich gute Grundlage für das gegenseitige Verständnis, ist das Kennenlernen der Lebensgeschichte des Gegenübers. Das kann man so geschickt in die Orga-Treffen einbauen, dass die reine Organisation plötzlich lebendiger und annehmbarer wird (am besten die Orga zuerst). Ich kenne niemanden, der aus reinen Organisationstreffen seine Freude ziehen kann. Aus Seminaren weiß ich, dass der Teil mit den eigenen Erfahrungen und „Problemen“ immer besonders lebendig wird und alle intensiv Anteil genommen haben am Leben und den Herausforderungen des Gegenübers.
So wird das Schwarmwissen offengelegt und jede kann ihre Erfahrungen einbringen. So könnte man zum Beispiel jedes Mal ein oder zwei Frauen aus ihrem Leben sprechen lassen (mit Zeitvorgaben versteht sich). Da jede irgendwann mal an der Reihe ist, wird die Bereitschaft größer, jedes Mal teilzunehmen. Somit wird das Ganze nicht als „Pflichttermin“ gesehen, sondern als Bereicherung. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass lediglich Erfahrungswerte beigesteuert werden.


Verbindung durch Hinhören!

Wichtig: Es wird vorab darauf hingewiesen, dass es keinen Anspruch darauf gibt, dass etwas von den Beiträgen der Mitfrauen angenommen werden muss. Damit vermeidet man hoffentlich den Ratschlag: „Das habe ich dir ja gleich gesagt, hättest du man….“, denn darum geht es gerade nicht! Es geht darum, HINHÖREN zu lernen, keine Ratschläge zu verteilen und jeder Frau die Möglichkeit zu geben, ihr Leben mit allen Höhen und Tiefen darzulegen (natürlich ohne Zwang). Mithilfe von Mediation am Anfang (und später aus der Bereitschaft aller, jede Projektion anzusprechen) kann eine tiefe Bindung und gegenseitige Achtung entstehen.


Quelle und Buchtipp: Mehr als schöner wohnen! Autorinnen Ruth Becker und Eveline Linke.
Sowie diverse Leitfäden, zum kostenlosen Herunterladen, als Hilfe für die Gemeinschaftsbildung:  
https://frauenwohnprojekte.de/leitfaden


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