Beginen und die „Minne“
© Uta-Maria Freckman
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Das historische Beginenwesen, darf niemals mit der heutigen Lebensart und Ausdrucksweise vermischt werden. Was seltsam anmutete, als ich begann, zu den Beginen zu recherchieren (vor ca. 13 Jahren), war die sogenannte Minne, mit der sich im Mittelalter, hauptsächlich im Hochadel (13. und 14. Jahrhundert) in Gedichten und Gesängen ausgedrückt wurde. Der Ausdruck war schwärmerisch, nutzte später eine erotisierte Sprache und mutete teilweise äußerst befremdlich an.
Man kann das nur im Gesamtkontext verstehen, denn Frauen wurden, besonders wenn sie aus dem Adel kamen, in der Minne anfangs als unerreichbar und tugendhaft beschrieben. Das wahre Leben im Mittelalter sah etwas anders aus, denn adelige Frauen waren mehr oder weniger eine Handelsware und hatten kaum Mitspracherecht. Allgemein herrschte eine aus heutiger Sicht, etwas verschrobene Moral.
Kürzlich hatte ich Kontakt zu einer Autorin, die einen phantastischen Text über die Rollen der Frau geschrieben hatte, der mich sehr ansprach. Also nahm ich über die Online-Zeitschrift, in der er erschienen war, Kontakt zu ihr auf. Ich berichtete ihr von den Beginen und sie wollte im Anschluss einen Text über die historischen Beginen damals und heute schreiben. Dafür empfahl ich meinen BLOG „Beginen heute“, in dem man sehr viele gut recherchierte, wissenschaftlich fundierte Quellen dazu finden kann.
Der Text, den ich einige Tage später von der Autorin vorgelegt bekam, denn ich sollte dazu in einem Interview ergänzend über mich als Begine berichten, hat mich mehr als erstaunt. Darin wurden die historischen Beginen als sinnlich und erotisch interessierte Frauen beschrieben, die sich im Mittelalter zusammengetan hatten, um ihre Freiheit auch in dieser Hinsicht zu genießen und auszuleben. Als Quelle wurde ein französischer Kanal angegeben. In diesem Hörvortrag von France Culture wurde, laut der Aussage meiner Bekannten mit Vehemenz hervorgehoben (ab ca. Minute 34) dass die Beginen eben nicht nur keusch lebten. Leider ist mein Schulfranzösisch lange nicht mehr aktualisiert worden, deshalb konnte ich es nicht übersetzen und diese Aussagen nachprüfen. Aber meine Bekannte versicherte mir, dass dies genau so gemeint war. Hier ist der Link dazu, um sich selbst ein Bild zu machen.
Die Minne, eine mystische Stilfigur
Einige Beginen nutzten die Minne, um sich auszudrücken. Hier ist z. B. Hadewijch von Antwerpen zu nennen, sie benutzte in ihren Schriften erotische Metaphern für die Beziehung zur Gottheit. Dies wurde zeitgenössisch und später manchmal als „unorthodox“ oder „bedenklich“ empfunden, lässt sich aber in der Fachliteratur als mystische Stilfigur erklären! Moderne historische Forschungen, etwa in der Frauen- und Religionsgeschichte, sehen Beginen als integrale und oft respektierte Teile der städtischen Gesellschaft, deren angeblich „freizügiges“ Verhalten eher Legende als historisch belegte Realität ist (z.B. um Beginen zu diffamieren, was leider sehr verbreitet war)! Hier ein Auszug aus einer ihrer Visionen (sinngemäß nach mittelniederländischem Original) aus dem Werk von Hadewijch von Antwerpen:
„Er durchdrang meine Seele ganz,
und ich empfing ihn
in süßer Umarmung;
und es schien mir,
als ob wir uns verzehrten
in gegenseitigem Genießen.“
Hier wird nicht nur die höfische Minne adaptiert, sondern die körperliche Vereinigung selbst als Metapher für die unio mystica gestaltet.
Ein noch drastischeres Beispiel findet sich bei Angela von Foligno, die Christus als „Liebhaber der Seele“ beschreibt und Visionen schildert, in denen sie ihn „trinkt“ und von ihm „durchdrungen“ wird:
„Und ich fühlte Christus in mir,
und er sprach:
‚Tochter, ich bin ganz dein.‘
Und ich antwortete:
‚Mein Geliebter, nimm mich ganz.‘“
Diese Texte gehören zur sogenannten Brautmystik, in der erotische Metaphorik bewusst eingesetzt wird, um die Intensität der Gotteserfahrung auszudrücken.
Offensichtlich ein Missverständnis
Mir war klar, dass sich hier ein Missverständnis eingeschlichen haben musste. So hieß es unter anderem in dem Hörvortrag auf dem Kanal, dass Beginen, wenn sie schwanger waren, zwar aus den Konventen ausgeschlossen wurden, aber oft nach recht kurzer Zeit zurückkommen konnten.
Der Artikel machte den Eindruck von Beginen die mit Keuschheit, die damals in den Konventen Voraussetzung war, nicht viel im Sinn hatten und ein eher ausschweifendes Leben führten.
Das konnte ganz sicher nicht sein, denn die Minne ist lediglich eine Stilrichtung, die für das heutige Verständnis sehr seltsam anmutet, aber nichts mit dem realen Verhalten der Beginen gemein hatte. Nun will ich nicht behaupten, dass eine schwangere Begine niemals vorkam, aber das waren ganz sicher Ausnahmen. Frauen im Mittelalter hatten sich für die Ehe aufzuheben und waren der Keuschheit verpflichtet. Die Beginen-Konvente liefen ansonsten Gefahr, sofort geschlossen zu werden, wenn sie gegen das Keuschheitsgebot verstießen, denn das war die Grundlage dafür, dass sie überhaupt gemeinsam wohnen konnten. Zu einer Zeit, in der die Frau wenig galt, waren Verstöße gegen die Sittsamkeit ein Unding und führten zum Rausschmiss aus der Gesellschaft. Eher waren diese Frauen männlichen Übergriffen ausgesetzt und mussten sich vor Zudringlichkeiten schützen, denn Missbrauch von Frauen gab es offiziell nicht.
Eine Stilrichtung des Mittelalters
Das historische Beginenwesen, darf niemals mit der heutigen Lebensart und Ausdrucksweise vermischt werden. Was seltsam anmutete, als ich begann, zu den Beginen zu recherchieren (vor ca. 13 Jahren), war die sogenannte Minne, mit der sich im Mittelalter, hauptsächlich im Hochadel (13. und 14. Jahrhundert) in Gedichten und Gesängen ausgedrückt wurde. Der Ausdruck war schwärmerisch, nutzte später eine erotisierte Sprache und mutete teilweise äußerst befremdlich an.
Man kann das nur im Gesamtkontext verstehen, denn Frauen wurden, besonders wenn sie aus dem Adel kamen, in der Minne anfangs als unerreichbar und tugendhaft beschrieben. Das wahre Leben im Mittelalter sah etwas anders aus, denn adelige Frauen waren mehr oder weniger eine Handelsware und hatten kaum Mitspracherecht. Allgemein herrschte eine aus heutiger Sicht, etwas verschrobene Moral.
Kürzlich hatte ich Kontakt zu einer Autorin, die einen phantastischen Text über die Rollen der Frau geschrieben hatte, der mich sehr ansprach. Also nahm ich über die Online-Zeitschrift, in der er erschienen war, Kontakt zu ihr auf. Ich berichtete ihr von den Beginen und sie wollte im Anschluss einen Text über die historischen Beginen damals und heute schreiben. Dafür empfahl ich meinen BLOG „Beginen heute“, in dem man sehr viele gut recherchierte, wissenschaftlich fundierte Quellen dazu finden kann.
Der Text, den ich einige Tage später von der Autorin vorgelegt bekam, denn ich sollte dazu in einem Interview ergänzend über mich als Begine berichten, hat mich mehr als erstaunt. Darin wurden die historischen Beginen als sinnlich und erotisch interessierte Frauen beschrieben, die sich im Mittelalter zusammengetan hatten, um ihre Freiheit auch in dieser Hinsicht zu genießen und auszuleben. Als Quelle wurde ein französischer Kanal angegeben. In diesem Hörvortrag von France Culture wurde, laut der Aussage meiner Bekannten mit Vehemenz hervorgehoben (ab ca. Minute 34) dass die Beginen eben nicht nur keusch lebten. Leider ist mein Schulfranzösisch lange nicht mehr aktualisiert worden, deshalb konnte ich es nicht übersetzen und diese Aussagen nachprüfen. Aber meine Bekannte versicherte mir, dass dies genau so gemeint war. Hier ist der Link dazu, um sich selbst ein Bild zu machen.
Die Minne, eine mystische Stilfigur
Einige Beginen nutzten die Minne, um sich auszudrücken. Hier ist z. B. Hadewijch von Antwerpen zu nennen, sie benutzte in ihren Schriften erotische Metaphern für die Beziehung zur Gottheit. Dies wurde zeitgenössisch und später manchmal als „unorthodox“ oder „bedenklich“ empfunden, lässt sich aber in der Fachliteratur als mystische Stilfigur erklären! Moderne historische Forschungen, etwa in der Frauen- und Religionsgeschichte, sehen Beginen als integrale und oft respektierte Teile der städtischen Gesellschaft, deren angeblich „freizügiges“ Verhalten eher Legende als historisch belegte Realität ist (z.B. um Beginen zu diffamieren, was leider sehr verbreitet war)! Hier ein Auszug aus einer ihrer Visionen (sinngemäß nach mittelniederländischem Original) aus dem Werk von Hadewijch von Antwerpen:
„Er durchdrang meine Seele ganz,
und ich empfing ihn
in süßer Umarmung;
und es schien mir,
als ob wir uns verzehrten
in gegenseitigem Genießen.“
Hier wird nicht nur die höfische Minne adaptiert, sondern die körperliche Vereinigung selbst als Metapher für die unio mystica gestaltet.
Ein noch drastischeres Beispiel findet sich bei Angela von Foligno, die Christus als „Liebhaber der Seele“ beschreibt und Visionen schildert, in denen sie ihn „trinkt“ und von ihm „durchdrungen“ wird:
„Und ich fühlte Christus in mir,
und er sprach:
‚Tochter, ich bin ganz dein.‘
Und ich antwortete:
‚Mein Geliebter, nimm mich ganz.‘“
Diese Texte gehören zur sogenannten Brautmystik, in der erotische Metaphorik bewusst eingesetzt wird, um die Intensität der Gotteserfahrung auszudrücken.
Offensichtlich ein Missverständnis
Mir war klar, dass sich hier ein Missverständnis eingeschlichen haben musste. So hieß es unter anderem in dem Hörvortrag auf dem Kanal, dass Beginen, wenn sie schwanger waren, zwar aus den Konventen ausgeschlossen wurden, aber oft nach recht kurzer Zeit zurückkommen konnten.
Der Artikel machte den Eindruck von Beginen die mit Keuschheit, die damals in den Konventen Voraussetzung war, nicht viel im Sinn hatten und ein eher ausschweifendes Leben führten.
Das konnte ganz sicher nicht sein, denn die Minne ist lediglich eine Stilrichtung, die für das heutige Verständnis sehr seltsam anmutet, aber nichts mit dem realen Verhalten der Beginen gemein hatte. Nun will ich nicht behaupten, dass eine schwangere Begine niemals vorkam, aber das waren ganz sicher Ausnahmen. Frauen im Mittelalter hatten sich für die Ehe aufzuheben und waren der Keuschheit verpflichtet. Die Beginen-Konvente liefen ansonsten Gefahr, sofort geschlossen zu werden, wenn sie gegen das Keuschheitsgebot verstießen, denn das war die Grundlage dafür, dass sie überhaupt gemeinsam wohnen konnten. Zu einer Zeit, in der die Frau wenig galt, waren Verstöße gegen die Sittsamkeit ein Unding und führten zum Rausschmiss aus der Gesellschaft. Eher waren diese Frauen männlichen Übergriffen ausgesetzt und mussten sich vor Zudringlichkeiten schützen, denn Missbrauch von Frauen gab es offiziell nicht.
Wenn wir uns heute ca. 60 Jahre zurückerinnern, wie das bei uns in Deutschland einmal war, dann wissen wir, was ich meine. Eine Frau, die ein uneheliches Kind bekam, wurde gesellschaftlich geächtet oder es wurde auf sie herabgesehen! So lange ist das also gar nicht her, sodass man die damaligen Reaktionen, die viel weiter gingen in der Ächtung von Frauen, noch nachvollziehen kann. Zur Richtigstellung der beginischen Lebensweise habe ich dies der Autorin dargelegt und korrigiert, denn sonst würde ein verzerrtes Bild dieser Frauen entstehen.
Psychologische Sicht der erotisierten Sprache, genannt Minne
Aus einer modernen psychologischen Sicht heraus entsteht der Eindruck, als wäre diese Ausdrucksweise seltsam bis verschroben, was erklärbar ist, wenn man bedenkt, in welchen Zwängen die Menschen damals lebten. Sexualität wurde oft verdrängt, die Frau an sich (die Minne kam aus dem Adel) wurde als Heilige verehrt und in der Minne als tugendhaft und unerreichbar besungen und beschrieben. Die Minne galt in den Höfen des Adels als hochmoderne Ausdrucksform. In der Realität wurden adelige Töchter teilweise schon als Kleinkind an Ehemänner versprochen (und in die Familie des Zukünftigen gegeben), um Gebietsansprüche zu bekräftigen, Handelsabkommen zu erweitern oder politische Abkommen zu beschließen. Frauen hatten zu gehorchen und galten als eigenständige Personen, recht wenig in der Gesellschaft. Gleichzeitig gab es für höhergestellte Männer alle Möglichkeiten, Nebenfrauen oder Mätressen zu halten. Es ist zumindest denkbar, dass aus diesen Dilemmata so etwas wie die Minne entstanden sein könnte. Dies spiegelte dann die große Kluft wider, die zwischen Realität und Minne-Texten herrschte.
Psychologische Sicht der erotisierten Sprache, genannt Minne
Aus einer modernen psychologischen Sicht heraus entsteht der Eindruck, als wäre diese Ausdrucksweise seltsam bis verschroben, was erklärbar ist, wenn man bedenkt, in welchen Zwängen die Menschen damals lebten. Sexualität wurde oft verdrängt, die Frau an sich (die Minne kam aus dem Adel) wurde als Heilige verehrt und in der Minne als tugendhaft und unerreichbar besungen und beschrieben. Die Minne galt in den Höfen des Adels als hochmoderne Ausdrucksform. In der Realität wurden adelige Töchter teilweise schon als Kleinkind an Ehemänner versprochen (und in die Familie des Zukünftigen gegeben), um Gebietsansprüche zu bekräftigen, Handelsabkommen zu erweitern oder politische Abkommen zu beschließen. Frauen hatten zu gehorchen und galten als eigenständige Personen, recht wenig in der Gesellschaft. Gleichzeitig gab es für höhergestellte Männer alle Möglichkeiten, Nebenfrauen oder Mätressen zu halten. Es ist zumindest denkbar, dass aus diesen Dilemmata so etwas wie die Minne entstanden sein könnte. Dies spiegelte dann die große Kluft wider, die zwischen Realität und Minne-Texten herrschte.
Wandlung der Minnegesänge
Der Minnegesang entwickelte und veränderte sich. Neue Stilvarianten und andersartige Texte kamen hinzu, vergleichbar mit den heutigen Neuerungen im Musikstil zwischen Klassik und Rockmusik oder Heavy Metal. Die Frau, die bisher als unerreichbares und unnahbares Wesen besungen wurde, war plötzlich Gegenstand der männlichen Begierde, zwar umschrieben, aber schon realitätsnäher, als es der bisherige Minnesang andeutete. Der MDR hat überlieferte Textpassagen aufgegriffen und hat daraus eine recht gute Milieustudie entwickelt, einen Wettstreit zwischen Walter von der Vogelweide und Tannhäuser, beides Minnesänger. Hier in einem YouTube-Video zu sehen. Daraufhin hielt die Erotik vermehrt Einzug im Minnesang und in Texten. So oder so ähnlich könnte es gewesen sein.
Mehr über die Beginen von Uta-Maria Freckmann
Die historischen Beginen - Zusammenfassung und Analyse.
