900 Jahre Beginen - eine uralte Frauenbewegung lebt fort

 

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Von Uta-Maria Freckmann ©

Als Chronistin für das Beginenwesen ist es mir ein Herzensanliegen die Bewegung der Beginen wieder in der Öffentlichkeit bekannter zu machen, da sie alle Möglichkeiten bietet, um sich im Miteinander zu entwickeln und Gemeinschaft zu lernen. Bemerkenswert ist, dass die Beginenbewegung in Deutschland als neuzeitliche Bewegung auf einer historischen Grundlegung aufbaut und in ihrer Vielfalt sowie Kontinuität einzigartig ist. Damit bietet sie ein alternatives Zukunftsmodell an, welches heute wie damals für Frauen besonders attraktiv ist.


Beginen damals


Die Beginenhöfe, mit ihren Einzel- und Wanderbeginen, stellen seit dem Mittelalter (11 Jhd.) bis heute, einen Schutzraum für Frauen und eine interessante Alternative zu herkömmlichen Lebensentwürfen dar. Sie bieten Freiheit im spirituellen Ausdruck und sind seit jeher eine Form des Zusammenlebens, um Konsens in der Gemeinschaft zu erproben, oder sich gegenseitig zu unterstützen. Die historischen Beginen haben im Mittelalter, entstanden aus den Initiativen adeliger Frauen, wertvolle Refugien geschaffen, um Alternativen zu Ehe oder Kloster anzubieten, denn mehr Möglichkeiten gab es für Frauen damals nicht.

In den Beginenhäusern, die europaweit fast zeitgleich entstanden, in Belgien genannt Beginenhöfe, gab es Hausregeln die das Zusammenleben ordneten. Beginen mussten kein Gelübde ablegen wie in den Klöstern, welches sie lebenslang an die Kirche band, sie mussten aber, reguliert durch die damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten, ein keusches Leben führen. Keuschheit war eine Voraussetzung in den Konventen, um nicht den Argwohn der Bürger zu erregen. Die Frauen waren ansonsten frei, jederzeit wieder aus ihrem Konvent auszuscheiden und sie konnten ihr Vermögen bei Austritt mitnehmen. Diese Hausregeln mussten befolgt werden, sie ordneten beispielsweise den Ausgang der Frauen (zumeist zu zweit) und das Verbot mit Männern näheren Kontakt zu haben, eine gewählte Magistra hatte die Leitung im Konvent. Diese Regeln wurden im Laufe der Jahrhunderte, nicht unbedingt freiwillig, an die kirchlichen Lehren angeglichen. Beginen lebten eine Spiritualität, die an den monastischen Weg und das erste Mönchswesen angelehnt war, christlich geprägt, aber nicht kirchlich. Viele von ihnen gingen später in die Klöster, weil Zünfte und Stadtväter sich gegen sie stellten und die Kirche unter Androhung der Exkommunikation und Enteignung, sowie inquisitorischen Maßnahmen dies anordnete. Andererseits gab es Schutzbriefe von Päpsten und Landesherren, denn Ihr erfolgreiches Wirken im Handel, in der Landwirtschaft, als Lehrkräfte für adelige Kinder, in Seuchenhäusern und als Sterbebegleitung, brachte ihnen vielerorts Akzeptanz. Ihr soziales Engagement war für viele Städte unabdingbar, in einer Zeit in der Krankenhäuser und Schulen noch unbekannt waren. So gab es beispielsweise in Köln über 160 Konvente mit ca. 2000 Beginen. Diese engagierten Frauen bildeten das soziale Gefüge in den Städten.

Die Lebensweise in Konventen war für die damalige Zeit die größtmögliche erreichbare Freiheit, denn Frauen unterstanden ihren Vätern, Brüdern oder anderen männlichen Vormunden und konnten zumeist nicht frei wählen, wie sie ihr Leben gestalten wollten. Adelige Töchter waren eine Handelsware, um eine Gebiets-Herrschaft auszuweiten, oder Bündnisse mit anderen Ländern zu besiegeln. Im sogenannten Muntrecht unterstanden Töchter ihren Vätern, oder männlichen Verwandten und mussten ihnen Gehorsam leisten. Erst wenn Frauen Witwe wurden, gab es etwas mehr Freiraum. Beginen kamen ab dem 13. Jhd. mehr und mehr in Bedrängnis, denn es gab unter ihnen einige Mystikerinnen, wie Marguerite Porete, die schließlich verbrannt wurde wegen Häresie. Oder sie kamen in Bedrängnis wie Mechthild von Magdeburg und gingen schließlich in de Klöster, wie es von der Kirche verlangt wurde. Sie schrieben Bücher, predigten oder legten die Bibel nach ihren Erfahrungen aus, was der Kirche missfiel. Oftmals erregte ihr Erfolg in Handel und Wirtschaft den Argwohn der Mitbewerber, sie wurden als Konkurrenz angesehen und es gab Konflikte mit den Zünften.

So wurden sie über die Jahrhunderte beinahe vollständig ausgemerzt, außer in Flandern, dem heutigen Belgien, wo die Inquisition nicht so stark wütete. Dort lebte die Begine Marcella Pattyn, geboren 1920, verstorben 2013. Sie war die letzte Begine in alter Tradition.


Beginen heute


In Deutschland wurde das Beginenwesen von Gertrud Hofmann (um 1985) neu belebt. Sie war Theologin (geboren 03.12.1925, verstorben 25.12.2025) und betonte einen katholisch geprägten Beginenweg. Indem sie einen Beginenhof gründete und Frauen in einer Gemeinschaft vereinte, wurde das Beginenwesen in die Neuzeit übertragen. Ein Dachverband der Beginen wurde gegründet und viele Jahre von Waltraud Pohlen, aus dem Beginenhof Essen, als Vorständin geleitet. Ein von der Gemeinschaft gewähltes Engagement ist wichtig für einen Beginenhof, denn genau das unterscheidet ihn von gewöhnlichen Wohnprojekten. In Deutschland gibt es zur Zeit 22 Beginenhöfe, davon sind 3 in Gründung befindlich (siehe Quelle 2). Jeder von ihnen hat einen anderen Schwerpunkt, der die Interessen der Bewohnerinnen widerspiegelt. Die einen engagieren sich politisch beim orange day, andere sehen sich der Kultur und Kunst verpflichtet, wieder andere engagieren sich sozial und in der Hospizbewegung, oder sehen die gegenseitige Fürsorge im Alter als wichtigen Teil ihres Zusammenlebens.

Die spirituelle Richtung, als auch die Intensität des spirituellen Weges, wird frei gewählt und geht von religiös, christlich geprägt bis hin zu nichtreligiös und frei spirituell nach Beginenart, wie damals bei den historischen Beginen. Eine „Freie Spiritualität nach Beginenart“ kann auf einer Religion begründet sein, muss es aber nicht. Sie kann allein auf Werten, Selbsterkenntnis und Ethik aufgebaut sein.

Dann gibt es viele Einzelbeginen (geschätzt 500) die sich vom Beginenwesen angezogen oder zugehörig fühlen und nicht auf einem Hof wohnen. Oft unterstützen diese Frauen „ihren Hof“ mit dem zugehörigen Verein tatkräftig bei den Projekten und Aktivitäten.

Eine freie Spiritualität, nach Vorbild der historischen Beginen, wird beispielsweise im Beginenhof Nordhastedt gelebt (siehe Quelle 3). Dieser Beginenhof hat einen sehr intensiven Gottesbezug, ist dabei jedoch frei-spirituell und nicht religiös. Zurzeit sind dort 3 Beginen, um ihre Projekte voranzubringen. Eine vierte Frau ist vor kurzem überraschend verstorben. Dieser Fokus, sich immer wieder auf das gewünschte Ziel auszurichten, ist wichtig für eine Gemeinschaft und ein bedeutsamer Aspekt, um Durststrecken gut zu überstehen und sich wiederholt auf die Projekte zu konzentrieren. So können persönliche Interessen in den Hintergrund treten und es kann immer wieder ein Konsens gefunden werden. Zurzeit ist im Beginenhof Nordhastedt im Gespräch, gemeinsam eine Stiftung für das Beginenwesen zu gründen.