900 Jahre Beginen - eine uralte Frauenbewegung lebt fort

 

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Von Uta-Maria Freckmann ©

Hier geht es zum gleichnamigen Video auf dem YouTube Kanal der "Beginen heute" 

Als Chronistin für das Beginenwesen ist es mir ein Herzensanliegen, die Bewegung der Beginen wieder stärker in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Sie bietet vielfältige Möglichkeiten, sich im Miteinander zu entwickeln und Gemeinschaft zu kennenzulernen. Bemerkenswert ist, dass die Beginenbewegung in Deutschland als neuzeitliche Bewegung auf einer historischen Grundlegung aufbaut und in ihrer Vielfalt sowie Kontinuität einzigartig ist. Damit bietet sie ein alternatives Zukunftsmodell an, das damals wie heute für Frauen besonders attraktiv ist. Dieser Text beschreibt das Beginenwesen in seiner Gesamtheit und fasst die Errungenschaften der Bewegung zusammen, die sich heute in den modernen Lebensentwürfen der Beginen widerspiegeln.


Beginen im Mittelalter 

Die Beginenhöfe mit ihren Einzel- und Wanderbeginen stellen seit dem 12. Jh. Die Forschung datiert die frühesten klar fassbaren Beginen eher um 1180–1230, mit starker Verdichtung im 13. Jahrhundert. In den Kölner Schreinsbüchern des frühen 13. Jahrhunderts erscheinen Beginen in rechtlichen und städtischen Einträgen. Beginenhöfe und beginenähnliche Gemeinschaften boten im städtischen Raum des Hochmittelalters Frauen eine gemeinschaftliche Lebensform außerhalb von Ehe und Kloster. Sie waren in die jeweilige Stadtgesellschaft eingebunden und verbanden religiöse Praxis, Arbeit und gegenseitige Unterstützung in unterschiedlich organisierten Wohn- und Lebensformen. Dadurch entstand eine Form des Zusammenlebens, in der Frauen innerhalb der Stadt eigenständig und gemeinschaftlich lebten und Religion, Arbeit und gegenseitige Unterstützung miteinander verbanden.


Quellenlage

Die Bestimmung einzelner Konvente und ihrer Bewohnerinnen ist in den Quellen schwierig, weil die Bezeichnungen regional stark variieren. Neben „Beginen“ finden sich etwa „Schwestern“, „Seelfrauen“ oder „liebe Frauen“, außerdem lateinische und allgemeine Sammelbegriffe wie sorores oder mulieres religiosae. Diese Vielfalt zeigt, dass es sich weniger um klar abgegrenzte Gruppen mit einheitlicher Bezeichnung handelte, sondern um unterschiedliche lokale Benennungen für vergleichbare Formen weiblichen gemeinschaftlichen Lebens. Die historischen Beginen gingen überwiegend nicht allein aus adeligen Initiativen hervor, sondern aus einem sozial gemischten städtischen Umfeld, vor allem aus bürgerlichen Schichten und Witwen. Adelige Frauen konnten als Stifterinnen oder Förderinnen auftreten, waren jedoch nicht die prägende soziale Basis der Bewegung. Beginenhäuser boten Frauen im städtischen Raum eine gemeinschaftliche Lebensform außerhalb von Ehe und Klosterbindung, in der religiöse Praxis, Arbeit und gegenseitige Unterstützung verbunden waren. Neben Ehe und Kloster bestanden zwar kaum Alternativen, in den Städten entstanden jedoch mit den Beginengemeinschaften eigenständige, Lebensformen.


Welche Regeln gab es bei ihnen?

In den Beginenhäusern, die sich im Verlauf des 13. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen Europas entwickelten, sie wurden in den Niederlanden und Flandern als Beginenhöfe bezeichnet, regelten zunächst Hausordnungen das Zusammenleben. Diese festgelegten Regeln strukturierten das gemeinschaftliche Leben, insbesondere Gebet, Arbeit und soziale Organisation innerhalb der Konvente. Beginen legten im Unterschied zu Nonnen keine lebenslangen Ordensgelübde ab und waren daher nicht dauerhaft an einen monastischen Status gebunden. Dennoch unterlagen viele Beginengemeinschaften sozialen und kirchlichen Erwartungen, insbesondere hinsichtlich eines keuschen Lebenswandels. Keuschheit galt in zahlreichen Kontexten als Voraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz und konnte dazu beitragen, Konflikte mit kirchlichen oder städtischen Autoritäten zu vermeiden, die im Extremfall auch zur Einschränkung oder Auflösung eines Konvents führen konnten. Die Frauen konnten ihren Konvent jederzeit verlassen und ihr Vermögen bei Austritt mitnehmen. Allerdings gab es auch, z.B. im Beginenhof bei Gent, überliefert, Auseinandersetzungen um dieses Recht. Eine von allen Bewohnerinnen des Beginenhauses gewählte Magistra leitete den Beginenhof.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele dieser Regeln stärker an kirchliche Vorgaben angepasst. Dieser Prozess verlief regional unterschiedlich und war nicht in allen Gemeinschaften das Ergebnis eigener Entscheidungen.


Die gesellschaftliche Bedeutung der Beginen

Die Beginen lebten eine christlich geprägte Spiritualität, die sich am monastischen Weg und am frühen Mönchswesen orientierte, die jedoch nicht kirchlich gebunden war. Hierüber gibt es ein YouTube Video und einen weiteren Podcast  zum Thema „Freie Spiritualität der Beginen“ . Ihr erfolgreiches Wirken im Handel, in der Landwirtschaft, als Lehrerinnen adeliger Kinder, in Seuchenhäusern und in der Sterbebegleitung brachte ihnen vielerorts Anerkennung. In einer Zeit, in der Krankenhäuser und Schulen noch kaum existierten, war ihr soziales Engagement für viele Städte unverzichtbar. Mit ihrer großen Zahl und ihren vielfältigen Tätigkeiten waren Beginen ein fester Bestandteil des städtischen Lebens. Ihre zahlreichen Konvente und ihre Tätigkeiten in Pflege, Handwerk und Fürsorge machten sie zu einem sichtbaren Bestandteil der mittelalterlichen Stadtgesellschaft und die Anzahl der Beginenkonvente weist darauf hin, dass Beginen im sozialen und wirtschaftlichen Leben vieler Städte eine bedeutende Rolle spielten.

Gesellschaftlicher Kontext für Frauen

Vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse bot das Leben als Begine vielen Frauen einen vergleichsweise großen Handlungsspielraum. In vielen Regionen unterstanden unverheiratete Frauen der Muntgewalt ihrer Väter oder anderer männlicher Verwandter. Adelige Töchter wurden häufig zur Sicherung von Familien- und Herrschaftsbindungen verheiratet, und die Möglichkeiten, den eigenen Lebensweg selbst zu bestimmen, waren in der Regel begrenzt. Wie die Beginen gelebt haben und was sie waren, da gibt es sehr viele Missverständnisse, weil manche Forscher das Beginenwesen ausschließlich nach dem 15. Jahrhundert beurteilt haben, das war, nachdem die Beginen teilweise schon in die Klöster gegangen waren! Deshalb wird manchmal sogar behauptet, Beginen wären Nonnen gewesen und alles unglücklich miteinander vermengt. Zu den genauen Unterschieden zwischen Nonnen und Beginen gibt es in Kürze weitere Informationen in Video und Podcast.
Andererseits ist das Beginenwesen gerade in den letzten Jahren intensiv von der Forschung wiederentdeckt worden. Mit der Reformation wurde das verheiratete Ehe- und Familienmodell stärker in den Mittelpunkt gestellt, wodurch andere weibliche Lebensformen an institutioneller Sichtbarkeit verloren. Im Zuge der frühneuzeitlichen und aufklärerischen Umbrüche veränderten sich die rechtlichen und sozialen Handlungsspielräume von Frauen erneut, wobei sich bestehende Ungleichheiten teilweise verfestigten und teilweise neu strukturierten.

Skepsis gegenüber Beginenkoventen

Die frühen Beginengemeinschaften des 13. Jahrhunderts waren regional unterschiedlich organisiert und zunächst nur teilweise institutionell reguliert. Ihre wirtschaftlich und organisatorisch eigenständig strukturierten Lebensformen fanden nicht überall Zustimmung; einzelne kirchliche Autoritäten und städtische Gruppen begegneten ihnen mit Skepsis oder suchten nach Formen der Regulierung. In einigen Regionen kam es im Verlauf des Spätmittelalters zu einer stärkeren kirchlichen und städtischen Einbindung einzelner Gemeinschaften, wobei diese Entwicklungen regional unterschiedlich verliefen und nicht als einheitlicher Prozess zu verstehen sind. Das wollten nicht alle, Marguerite Porete ist da das beste Beispiel. Ähnlich wie ihr ging es vielen: Sie wollten nicht von ihrer Freiheit lassen, widersetzten sich, oder sie flohen. Über diese Mystikerin gibt es Texte hier im Blog und über die Anklagen wegen Häresie ein Video. Dies trug dazu bei, dass Beginen mancherorts verfolgt, aus ihren Gemeinschaften verdrängt und teilweise auch enteignet wurden. Manche wurden der Häresie beschuldigt und von kirchlichen Gerichten verurteilt. In den Jahrhunderten nach dem Niedergang der Beginenbewegung gerieten Frauen mit ähnlichen religiösen oder sozialen Außenseiterpositionen zudem nicht selten in die Verfolgungen der frühen Neuzeit, die heute zumeist als Hexenverfolgungen bezeichnet werden.

Intensive Zeit der Umbrüche!

Seit dem 13. Jahrhundert befanden sich viele Städte und Territorien in tiefgreifenden Umbruchprozessen. Politische Konflikte zwischen Herrschern, Fürsten, Städten und kirchlichen Autoritäten, wirtschaftliche Krisen sowie Seuchen und Hungersnöte erzeugten erhebliche Unsicherheit. In den Städten wuchs das Elend! Aufgrund der Urbanisierung strebten viele Menschen in die Stadt, aber nicht alle fanden dort eine einträgliche Lebensweise, viele mussten hungern oder erkrankten. In diesem Umfeld gewann die Inquisition an Bedeutung. Historiker weisen darauf hin, dass Häresieverfahren neben religiösen Motiven auch politische, soziale und wirtschaftliche Interessen berühren konnten. In einzelnen Fällen konnten Verurteilungen und Einziehungen von Vermögen der Beginen für weltliche oder kirchliche Obrigkeiten von materiellem Vorteil sein. Auch Mechthild von Magdeburg stand im Spannungsfeld zeitgenössischer kirchlicher Kritik und wurde in diesem Kontext diskutiert; die Quellenlage erlaubt jedoch keine eindeutige Rekonstruktion eines formalen inquisitorischen Verfahrens gegen ihre Person. Sie wechselte später ins Kloster Helfta über. Einige Beginen schrieben Bücher, predigten oder legten die Bibel aus eigener Erfahrung aus, was kirchliches Missfallen erregte. Zudem führte ihr wirtschaftlicher Erfolg mancherorts zu Konflikten mit Zünften, die sie als Konkurrenz betrachteten. Kirchliche Autoritäten konnten, je nach Region und Konfliktlage, Maßnahmen wie Exkommunikation, Vermögensentzug oder inquisitorische Untersuchungen anordnen. Gleichzeitig sind auch päpstliche und landesherrliche Schutzprivilegien für einzelne Beginengemeinschaften überliefert. Insgesamt verliefen die Eingriffe nicht kontinuierlich, sondern in zeitlich und regional unterschiedlichen Phasen verstärkter Regulierung und Entspannung. Die Beginenbewegung ging im Laufe der Jahrhunderte in vielen Regionen Europas deutlich zurück und verlor an institutioneller Bedeutung. Besonders in den Städten Flanderns konnten sich Beginenhöfe jedoch aufgrund ihrer starken sozialen Einbindung und städtischen Unterstützung länger erhalten. Mit Marcella Pattyn lebte bis ins 21. Jahrhundert hinein die letzte historisch bekannte Begine dieser Tradition.

Beginen heute - Neuzeitliche Wiederbelebung

In Deutschland wurde das Beginenwesen um 1985 von Gertrud Hofmann neu belebt. Die Theologin (1925–2025) betonte einen katholisch geprägten Beginenweg. Durch die Gründung eines Beginenhofes und die Vereinigung von Frauen in Gemeinschaft wurde das Beginenwesen in die Neuzeit übertragen. Ein Dachverband der Beginen entstand und wurde viele Jahre von Waltraud Pohlen aus dem Beginenhof Essen als Vorständin mit anderen engagierten Frauen geleitet. Ein gewähltes gemeinschaftliches Engagement ist wesentlich für einen Beginenhof und unterscheidet ihn von gewöhnlichen Frauen-Wohnprojekten. In Deutschland gibt es derzeit 22 Beginenhöfe, davon befinden sich drei in Gründung. Jeder Hof setzt eigene Schwerpunkte entsprechend den Interessen der Bewohnerinnen: z.b. politisches Engagement; Kultur und Kunst; soziale Projekte und Hospizarbeit oder gegenseitige Fürsorge im Alter, um nur einige zu nennen. Die spirituelle Ausrichtung wird in den Höfen und Beginenhäusern frei gewählt. Sie reicht von religiös-christlich geprägt bis zu nichtreligiös und frei spirituell nach Beginenart – ähnlich wie bei den historischen Beginen. Hierüber gibt es ein Video auf dem Beginen heute Kanal. und einen gleichnamigen Text über die „Freie Spiritualität der Beginen“, diese verlinke ich ebenfalls in den Kommentaren.


Einzelbeginen

Neben den Höfen gibt es viele Einzelbeginen (geschätzt etwa 500), die sich dem Beginenwesen zugehörig fühlen, ohne auf einem Hof zu wohnen. Oft unterstützen sie „ihren“ Hof und den zugehörigen Verein aktiv bei Projekten und Veranstaltungen. 


Quellen