Der Zeit voraus
In den Anfängen feministischer Forschung ging es vor allem darum, aufzuzeigen, wie Frauen jahrhundertelang in Unterordnung zu leben hatten; diese sei nun zu überwinden. Was da zu überwinden ist, zeigt beispielhaft die Darstellung des Lebens der Gertrud von Ortenberg (vermutlich um 1275-1335) im „Vollständigen Heiligenlexikon“ des Johann Evangelist Stadler (Bd. 2, v. J. 1861, S. 426), das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Standardwerk der katholischen Heiligenverehrung war: Gertrud, eine adlige franziskanische Drittordensschwester, habe nach dem Tod ihres vornehmen Mannes ihr Leben „nach dem Mahnworte des Apostels als wahre Wittwe“ verbracht, indem sie zusammen mit einer Mitschwester „der Handarbeit und dem Gebet“ lebte, „ohne sich um andere Dinge zu kümmern“. Besonders habe sie die Demut geübt. Zuvor hatte sie eine „frohe und glückliche Ehe“ geführt, da sie wusste, dass „der Mann des Weibes Haupt, und sie ihm Gehorsam schuldig“ sei. Diese Darstellung einer zurückgezogenen, sich unterordnenden Frau entspricht sehr genau dem Idealbild, wie es bis vor nicht allzulanger Zeit in Gesellschaft und Kirche vorherrschend war.
Die neuere feministische Forschung richtet nun aber den Blick weg von der passiven Opferrolle der Frau und sucht Beispiele, wie auch schon früher Frauen aktiv ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen versuchten. Und tatsächlich steht auch das wahre Leben der Gertrud von Ortenberg in größtmöglichem Gegensatz zur späteren Darstellung. Wir wissen das aus ihrer Vita, die – ein bemerkenswerter Sonderfall – von einer weiblichen Autorin verfasst ist und vor allem auf Berichten von Gertruds Freundin Heilke beruht. Alle Umformungen in den nachfolgenden Jahrhunderten, die das Bild der Hauptperson immer stärker den jeweils herrschenden patriarchalen Vorstellungen anpassten, wurden dagegen von männlichen Geistlichen verfasst.
Gertrud hatte eine traumatisierende Kindheit und Jugend erlebt: früh verwaist, war sie ungeliebt bei ihren Verwandten aufgewachsen und dann bald an einen gewalttätigen, aber reichen verwitweten Ritter verheiratet worden. Bei dessen Tod musste sie sich in die Finger beißen, um nicht zu lachen; sie war da gerade mit dem vierten Kind innerhalb von vier Jahren schwanger. Als nun wiederum ihre Sippe über ihre weitere Zukunft bestimmen will, weist sie ihre Angehörigen entschieden zurück: „Nein! … Ich will durchaus in die Stadt ziehen. … Weiß Gott, es kann nicht anders sein, ich will es wagen. Unser Herr lässt mich nicht im Stich.“ Und sie setzte sich mit ihren Kindern auf einen Karren und zog in die Stadt Offenburg, „zu einer Armen Schwester“, das heißt: einer Begine. (f.138vf.) Von nun an, zumal nach dem frühen Tod ihrer Kinder, wird sie ihr Leben selbstbestimmt führen.
Solche Selbstbestimmtheit – gegen den Willen der Sippe – war zu ihrer Zeit für eine Frau, ja oft auch für Männer, durchaus ungewöhnlich. Nicht aber für jene Frauen, die sich als Beginen in der sogenannten „Frauenbewegung“ des 13. und 14. Jahrhunderts finden. Gertrud hatte sich schon zuvor in einer ihrer lebensgefährlichen Schwangerschaften der klerikalen Anmaßung des zuständigen Priesters widersetzt, als dieser ihr die Erteilung der Kommunion ohne vorherige Generalbeichte verweigerte. Trotz ihrer Todesgefahr fügte Gertrud sich nicht; zwei Franziskanerbrüder brachten dann mehr Verständnis für sie auf. Gertrud fand dann auch später immer wieder Geistliche aus dem Franziskaner- und dem Dominikanerorden, mit denen sie über ihre Fragen und Anliegen sprechen konnte. Nie aber ließ sie sich von diesen männlichen Ratgebern bestimmen; die letzte Entscheidung lag stets bei ihr. Dafür nahm sie auch schwere Konflikte auf sich, selbst wenn sie von allen ihren Vertrauten verlassen wurde und nur noch in ihrer Freundin Heilke eine Stütze hatte. Als in der für sie existentiellen Frage der Armut ein ihr nahestehender hochgestellter Theologe meinte, ihr Ansinnen sei unvernünftig und teuflischer Trug, widersprach ihm Heilke, indem sie auf das Beispiel der heiligen Elisabeth verwies. Da wusste er nichts mehr zu entgegnen und lief voll Zorn hinweg. (f.220rf.) Zwei „ungebildete“ Frauen wagen es, einen hochgebildeten akademischen Lehrer argumentativ zu besiegen!
Gertrud berief sich da auf den „Geist“, ihre innere Stimme. Deren Autorität steht höher als jede menschliche Autorität; sie gab Gertrud die Kraft, alle Widerstände zu überwinden. Gertrud glaubte, in ihr den Willen Gottes zu erkennen. Dieser ist nicht ein Gott des Jenseits; die Vorstellung eines hoch thronenden, „gerechten“ belohnenden und strafenden Gottes weicht der Erfahrung eines liebenden „Du“, das im Inneren des Menschen Wohnung nimmt.
Die Liebe zu diesem menschennahen Gott verwirklicht sich vor allem in engagierter Nächstenliebe. Gertrud suchte und fand ihren Platz unter den Armen und Schwachen dieser Welt, wie sie zu ihrer Zeit wohl in jeder Stadt in großer Anzahl anzutreffen waren. Die Vita berichtet, wie sie sich um verwahrloste Kinder kümmert, wie sie selbstlos unheilbaren Kranken Hilfe leistet, wie sie Bedürftigen beisteht und diese sogar beherbergt. Stets hat sie dabei nicht nur die körperlichen, sondern auch die geistigen und seelischen Nöte ihrer Mitmenschen im Blick: Kranken gibt sie neuen Lebensmut, Sterbende begleitet sie in den letzten Lebensstunden, deren Todesangst mitempfindend. Auch gesellschaftlich Hochstehenden gilt diese ihre Seelsorge: Feinde sucht sie zu versöhnen, am Glauben Zweifelnden kommt sie vorurteilslos entgegen, und keinen Menschen will sie verurteilen: selbst bei berüchtigten Übeltätern sucht sie noch Gutes zu erkennen. Und sogar den geschundenen Tieren gilt ihr Mitleid.
In einer mystischen Predigt, die gegen Ende der Gertrud-Vita zitiert wird, heißt es, solches Wirken für den Mitmenschen sei „das Höchste, wozu der Mensch kommen kann in diesem Leben“ (f.233v). Die Vita zeigt dann, dass Gertrud dies erreicht hatte. Die Predigt jedoch meint nicht nur sie; gemeint sind vielmehr alle „Leute, die ein Leben in Innerlichkeit führen“ (f.232r). Da diese Predigt nicht vor Klosterfrauen gehalten wurde – diese konnten ja auch nicht in dieser Weise in die Welt hinein wirken – , dürfen wir annehmen, dass der Prediger vor allem eine bestimmte Gruppe von in der „Welt“ lebenden Menschen vor Augen hatte: die Beginen. Man weiß ja heute, dass die deutsche Mystik sich nicht in Studierstuben entwickelte, sondern im Diskurs vor allem dominikanischer Prediger mit Frauen, die von eben diesen Fragen und Erfahrungen bewegt waren und die vor allem aus eigenem Erfahren vieles dazu beizutragen hatten. Gertrud war gewiss kein Einzelfall. Dass wir aber so wenig über solche Frauen wissen, ist kein Zufall: die Überlieferung von Viten lag in den Händen männlicher Kleriker; die wenigen, die überhaupt über solche Frauen berichteten, passten diese ihren Vorstellungen an und stilisierten sie nach ihren Idealen. Glücklicher Zufall ist dagegen, dass die von einer Frau verfasste Gertrud-Vita überhaupt erhalten blieb; sie ist auch nur in einer einzigen, von Frauen geschriebenen Abschrift erhalten.
Die verschiedenen Fassungen des Lebens der Elisabeth von Thüringen, die für Gertrud ein großes Vorbild war, sind dagegen ganz offensichtlich kirchlich stilisiert, und das Werk der Marguerite Porète, von dem Gertrud wohl stark beeinflusst war, konnte sowieso nur im Geheimen, anonym oder unter männlichem Pseudonym, überliefert werden. Und auch alle späteren (Kurz-)Fassungen der Gertrud-Vita stammen von männlichen Klerikern. Da ist es kein Zufall, dass schon in der ersten Neufassung der Vita all das entfällt, was das Beginenleben Gertruds charakterisiert: das Zusammenleben mit anderen Frauen, die ökonomische Selbständigkeit, die Unabhängigkeit von Geistlichen, die Besuche in der Großstadt Straßburg, um ausgesuchte Prediger (wahrscheinlich auch Meister Eckhart) zu hören, das Diskutieren mit der Freundin Heilke über die Predigten, die Art, wie beide den radikalen Armutsgedanken mit den Erfordernissen der Existenzsicherung zu verbinden suchten. Und zu einer Heiligen schien auch nicht zu passen, dass in Gertruds Vita „Freude“ ein Zentralbegriff ist, dass Gertud und Heilke übereinander scherzen können, und dass Gertrud lacht, wenn die armen Kinder bei ihr vor Freude singen und tanzen wollen. Ebenso, wenn Heilke Gertruds anfängliche Furcht vor einem „gerechten“ Gott vertreibt, indem sie ihrer Freundin einen blühenden Zweig vor Augen hält (f.143v), oder wenn Gertrud der „lieben“ Sonne „hold“ ist und ihr „gar so freundlich schmeichelt“, weil diese sie an das „klare göttliche Licht“ erinnert (f.156v) – eine sinnennahe Theologie, die die Augen mehr öffnet als jedes rationale Argumentieren.
Gertruds unabhängiges, geistig und ökonomisch selbständiges, gesellschaftlich engagiertes Leben, das auf der Erfahrung der lebendigen Gegenwart Gottes basiert – es passte nicht mehr in eine Zeit, die sich schon seit der Mitte des 14. Jahrhunderts wieder auf patriarchale, autoritätsgläubige Denk-und Lebenshaltungen hin entwickelte. Gott wurde wieder zum erhabenen Himmelsherrscher, vertreten durch menschliche Autoritäten auf Thron und am Altar, und Zurückgezogenheit und Unterwerfung waren die neuen alten Vorstellungen zur Rolle der Frau. Beginen, soweit es sie noch gab, mussten sich auf einen Nischenbereich zurückziehen, als gesellschaftlich bewegende Kraft waren sie nicht mehr gefragt. Und so waren die Beginen des 13. und frühen 14. Jahrhunderts nicht nur ihrer Zeit voraus – auch bis zu heutiger Zeit ist es allzu häufig immer noch nicht selbstverständlich, so „emanzipiert“ wie diese Frauen zu leben.
Literatur:
Dis ist von dem heiligen leben – Die Vita der Gertrud von Ortenberg. Hrsg. und kommentiert von Siegfried Ringler, Stuttgart 2023 (= ZfdA Beiheft 41).
Von dem heiligen Leben der Gertrud von Ortenberg. Eingeleitet und übersetzt von Siegfried Ringler. GRIN Verlag 2017 (neuhochdeutsche Übersetzung) (online).
(Die zitierten Stellen sind in beiden Büchern anhand der Folioangaben auffindbar.)
https://www.grin.com/document/352142


