Gertrud von Ortenberg

 Von Uta-Maria Freckmann ©


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Gertrud von Ortenberg (ca. 1275–1335) gehört zu den eindrucksvollsten Beginen des frühen 14. Jahrhunderts, ähnlich wie Marguerite Porete und Mechthild von Magdeburg. Ihre überlieferte Gnadenvita in dem Text "der Zeit voraus", bietet seltene Einblicke in das Leben einer Frau, die trotz schwerer Kindheit, Zwangsehe und sozialer Begrenzungen ihren spirituellen Weg fand und als Mystikerin weithin bekannt wurde. Diese Seite stellt ihr Leben, ihre Erfahrungen und ihre Bedeutung für die beginische Frauenbewegung vor.

1. Herkunft & Lebensweg
Gertrud von Ortenberg (ca. 1275–1335) entstammte einer adligen, aber verarmten Familie. Ihr Vater starb wenige Wochen nach ihrer Geburt, die Mutter verließ die Kinder, und Gertrud wurde zunächst bei Bauern aufgezogen, bevor sie auf die Burg zurückkehrte. Ihr Leben ist durch eine Gnadenvita überliefert, die ihre Freundin Heilke von Staufenberg weitergab und die später von einer gebildeten Frau verschriftlicht wurde.

2. Bildung & geistiges Umfeld
Gertrud wuchs in einem Umfeld auf, das von adeligen Strukturen, aber auch von sozialer Unsicherheit geprägt war. Ihre Gnadenvita zeigt eine Frau, die früh nach Gott suchte und spirituelle Tiefe entwickelte. Sie war eingebettet in beginische Netzwerke in Offenburg und Straßburg, wo sie mit Heilke von Staufenberg lebte und geistlich reifte.

3. Ihr Werk: Die Gnadenvita
Die überlieferte Vita ist ein einzigartiges Dokument der Frauenbewegung des frühen 14. Jahrhunderts, des Beginentums und der Mystik dieser Zeit. Sie beschreibt Gertruds spirituelle Methoden, ihren Weg zu Gott und ihren Alltag als eigenständig lebende Frau.

Zentrale Inhalte:  
• Beginische Spiritualität und gelebte Gottesnähe.
• Mystische Erfahrungen im Alltag und im Dienst an anderen.
• Der Weg einer Frau, die trotz widriger Umstände ihren Glauben konsequent lebt.
• Selbstbehauptung im Armutsstreit und im Kampf um Eigentumsrechte.
• Einblicke in die Lebensrealität alleinstehender Frauen im frühen 14. Jahrhundert, jenseits idealisierender Heiligenviten. 

4. Konflikt mit kirchlichen Autoritäten
Direkte Konflikte mit der Inquisition sind für Gertrud nicht überliefert. Ihre Vita zeigt jedoch, dass sie als eigenständig lebende Frau in einer Zeit großer kirchlicher Spannungen (Armutsstreit!) ihren Weg behaupten musste. Ihre spirituelle Autorität und ihr Ruf als Mystikerin machten sie weithin bekannt und zugleich angreifbar.

5. Gertrud als Begine in Offenburg
Nach dem Tod ihres Ehemanns – einer Ehe, die für sie ein Martyrium war  – trat sie in Offenburg in einen Beginenkonvent ein. Dort gelang es ihr, sich als eigenständig lebende Begine zu etablieren und spirituelle Wirkkraft zu entfalten. Ihr freundliches Wesen und ihr Charisma machten sie schnell über die Stadt hinaus bekannt. 

6. Überlieferung & Wiederentdeckung
Ihre Gnadenvita wurde von Siegfried Ringler neu erschlossen und als bedeutendes Zeugnis beginischer Spiritualität gewürdigt. Ringler zeigt zudem, warum Gertrud lange Zeit in Vergessenheit geriet und in Offenburg später durch die Heilige Ursula ersetzt wurde. Heute gilt sie als beeindruckendes Beispiel für Mut, Zähigkeit und spirituelle Tiefe einer Frau, die ihre Welt nachhaltig prägte.


Herkunft und Zeitgeist

Gertrud von Ortenberg war eine Mystikerin (ca. 1275 - 1335). Gertruds Vita liefert seltene Einblicke in ihr Leben, welches sich auszeichnete durch beginische Tugenden und soziales Engagement. Gertruds Vater verstarb, als sie erst ein paar Wochen alt war, ihre Mutter zog bald fort und ließ ihre Kinder bei Stiefgeschwistern auf der Burg zurück. Diese gaben das kleine Kind zu diversen Bauern, die sie aufziehen sollten. Als Gertrud als Kleinkind zur Burg zurückkehrte, war sie wiederholt den Schlägen und Misshandlungen einer Magd ausgesetzt. Erst als ein Stiefbruder beherzt eingriff, um ihr Leben zu retten, ließ diese von ihr ab.

Über ihr Leben gibt es Schriften in Form einer Gnadenvita, die von Sigfried Ringler intensiv aufgearbeitet und in einem Buch zusammengefasst wurden. Berichtet wird über das Leben der Gertrud von Ortenberg von ihrer besten Freundin Heilke von Staufenberg. Ihre Freundin hat mit ihr gemeinsam in Offenburg, dann in Straßburg und schließlich, als ihr Haus in Straßburg abbrannte, wieder in Offenburg gelebt. Heilke war viele Jahre lang Gertruds engste Vertraute. Sie hat später alles einer Frau mitgeteilt, die in der Lage war, Gertruds Leben in Form einer Gnadenvita festzuhalten. Schriftform und damaliger Dialekt sind heute sehr gut lesbar, es ähnelt etwas unserem Plattdeutsch. 

Der Historiker Siegfried Ringler hat zu Gertrud von Ortenberg einen Text für die "Beginen heute" verfasst. Er bezeichnet diese überlieferten Schriften als ein einzigartiges Dokument zur Frauenbewegung im frühen 14. Jh., zu Beginentum, Mystik und besonders zum Armutsstreit in dieser Zeit! Diese Dokumente geben Auskunft über das Leben als Begine. Sie erzählen von der Durchsetzung der Rechte einer eigenständig lebenden Frau, wenn es um ihr Eigentum und Erbe ging. Sie schenken uns faszinierende Einblicke in das Leben einer aktiven Mystikerin, die ihre spirituellen Methoden im Alltag beschreibt und wie sie den Zugang zu ihrem geliebten Gott findet. Die Vita Gertrud von Ortenbergs berichtet von den Schwierigkeiten alleinstehender Frauen in Deutschland Anfang des 14. Jahrhunderts, in einer sehr authentischen Form, abseits von Hagiographien (Heiligenviten), die wenig realitätsnah sind. Sigfried Ringler beschreibt in seinem Buch eine glaubwürdige Theorie, warum Gertrud von Ortenberg lange Zeit fast vollständig in Vergessenheit geriet und sogar in ihrer Wirkungsstätte Offenburg, nach einiger Zeit durch die Heilige Ursula ersetzt wurde. Gertrud von Ortenberg gibt durch ihre Tatkraft, Zähigkeit und ihren Mut ein Beispiel für eine Frau, die ihre Mitwelt nachhaltig positiv beeinflusst hat. Als Kleinkind hat sie offenbar schlimmste körperliche Misshandlungen erfahren müssen, weil sie als verarmte Adelige ohne Eltern keinen guten Start hatte. In ihrer Vita wird erwähnt, dass sie schon in sehr jungen Jahren eine Sucherin war, die ihre Sehnsucht nach Gott erst nach dem Ende des Martyriums einer 4-jährigen Ehe, nachdem ihr Ehemann verstarb, vollumfänglich umsetzen konnte. Als Witwe hatte sie die Möglichkeit, Begine zu werden, was sie umgehend umsetzte.


Eheleben oder Kloster

Ihre Jugend verbrachte sie in der Burg ihrer Verwandten, ohne Rückhalt einer Mitgift, was beinhaltete, für ihre Stiefgeschwister mehr oder weniger zur Last zu werden. Ohne Mitgift einen standesgemäßen Ehemann zu finden, war schwierig bis aussichtslos. Das Einzige, was sie mitbrachte, war ihre Jugend, wohl auch Schönheit und ihren Adelstitel. In einer Zeit, in der Geld und Macht den Ton angaben, und ausschlaggebend waren für die Wahl eines Ehepartners, war das nicht viel. Ihr war das recht, denn sie wollte schon von Kindheit an ihrem Gott dienen, was hieß, in ein Kloster zu gehen und dort die damit verbundenen Tugenden zu leben. Der Eintritt in ein Kloster aber, war seinerzeit an eine Mitgift gebunden und schied somit aus. Begine zu werden, war ein Wunsch, der zwar von ihr ins Auge gefasst wurde, aber der Zustimmung ihrer Verwandten bedurfte, in deren Obhut (Mundschaft) sie sich befand. Selbst entscheiden konnten dies nur Witwen. Die hatten aber etwas anderes mit ihr vor, wie sich bald herausstellte. Der Ritter Rickeldey (Rückeldegen von Ullenburg) hatte mehrere Kinder und verlor ganz plötzlich seine Ehefrau. Er entschied sich, Gertrud zur Ehefrau zu nehmen, womit ein jahrelanges Martyrium für sie begann. In ihrer Vita ist überliefert, dass sie ihrer besten Freundin sagte, sie musste sich auf den Finger beißen, damit nicht offensichtlich wurde, wie sehr sie sich freute, als ihr Ehemann nach 4 Jahren verstarb. 4 Kinder waren innerhalb von 3 Jahren in dieser 4-jährigen Ehe hervorgegangen, mit dem letzten war sie gerade schwanger, als er starb. Da in der damaligen Zeit der Fokus oft auf Reproduktion lag, waren Frauen teilweise Gebärmaschinen und der ewigen Gefahr ausgeliefert, bei den Geburten zu sterben. In manchen Zeiten stand die Sterblichkeitsrate bei Geburten bei ca. 50 Prozent (durch Entzündungen wegen mangelnder Hygiene bei der Geburt, oder Komplikationen während oder nach der Geburt). 


Gertruds Leben als Begine

Nach dem Tod ihres Gatten, packte sie ihre wenigen Sachen und begab sich nach Offenburg, wo sie in einen Beginenkonvent eintrat. Dort schaffte sie es, sich als eigenständig lebende Begine innerhalb der Gesellschaft zu behaupten. Wegen ihres freundlichen Wesens und ihres ausgeprägten Charismas, wurde sie als Mystikerin recht schnell über die Stadt hinaus bekannt.


Quelle: Buch Gertrud von Ortenberg von Siegfried Ringler