Anklage wegen Häresie gegen Marguerite Porete und Meister Eckhardt
Mittlerweile weisen diverse wissenschaftliche Quellen darauf hin, dass Marguerite Porete einen intensiven Austausch mit Meister Eckhardt hatte. Offensichtlich waren sie einer Meinung darüber, welche Stufen es gibt, um zur Gotteseinung zu gelangen. Marguerite postulierte in ihrem Buch unter anderem, dass es dafür keines Mittlers bedarf. Hier eine der Quellen, die Uni Erfurt, die sich mit der Verbindung Meister Eckhards und Marguerite Porete befassen. Auch Meister Eckhardt war wegen Häresie angeklagt, konnte sich aber wohl durch Kooperation von den Anklagen befreien. In Meister Eckhardts Lehren fanden sich Ansätze ihrer theologischen Aussagen.
Die Stufen die Marguerite beschrieb beinhalten, dass das Ego mit seinen Verhaltensmustern intensiv hinterfragt und so weit geläutert werden muss, dass die Liebe Gottes einfließen kann, das braucht unser Zutun und geschieht zumeist nicht einfach von selbst.
Marguerite hielt an ihren Äußerungen in ihrem Buch fest, weil sie diese durch ihre Erfahrungen fest verankert wusste. Es war kein Wissen welches angelesen, oder von irgendjemandem übernommen war, sondern durch ihre Erfahrungen belegbar. Deshalb konnte sie es nicht zurücknehmen, als sie von der Inquisition dazu aufgefordert wurde, ohne sich selbst untreu zu werden. Sie war äußerst mutig, denn sie wusste, dass ihr hartnäckiges Schweigen gegen sie ausgelegt werden konnte. Sie galt damit als Relapsa, als rückfällige und uneinsichtige Person. Dieses Urteil führte zum Tod auf dem Scheiterhaufen.
Häresie-Verhöre unterschieden sich von Hexen-Verhören
Die Verhöre, die Häretikern galten, unterschieden sich gravierend von den Verhören, die bei Hexen angewandt wurden. Sie fokussierten sich hauptsächlich auf theologische Fragen, die gegen die Lehrmeinung der Kirche verstießen.
Es gibt Original-Auszüge aus den Inquitionsverhören die öffentlich zugänglich sind, um zu verdeutlichen, wie vorgegangen wurde, hier ein paar Beispiele:
1. Bernard Gui – Inquisition in Südfrankreich (Anfang 14. Jh.)
Bernard Gui war einer der bekanntesten Inquisitoren. Er verfasste das Liber Sententiarum, eine Sammlung von Urteilen und auch Verhörleitfäden.
Typische Frage:
„Glaubst du, dass Jesus Christus wahrer Gott und Mensch ist, geboren von der Jungfrau Maria?“ → Diese Frage zielte darauf ab, ob der Angeklagte einen der damaligen gängigen Irrtümer (z.B. Katharerglauben) vertrat.
Taktik: Er stellte theologische Prüfungsfragen. Wenn jemand zweideutig antwortete, wurde nachgebohrt. Die Folter kam meist erst nach langem Verhörprozess und auf Grundlage eines "halben Beweises".
2. Verhöre der Katharer (Toulouse, ca. 1300)
Ein Beispiel aus einem Protokoll eines Bauern aus der Umgebung von Toulouse, der verdächtigt wurde, mit Katharern in Kontakt zu stehen:
Frage des Inquisitors: „Hast du jemals einen sogenannten Guten Menschen in dein Haus aufgenommen, ihn bewirtet oder ihm ein Zeichen der Ehre erwiesen?“Antwort des Bauern:„Nein, ich habe nur einmal einen gesehen, als er an meinem Feld vorbeiging.“
Kommentar: Hier suchte der Inquisitor nach Indizien einer bewussten Unterstützung der Häresie (nicht nach Magie oder Pakt wie bei Hexerei).
3. Béguinen-Verhöre (Köln, 14. Jh.) Béguinen galten gelegentlich als häretisch, wenn sie theologische Aussagen machten.
Typische Frage:„Hast du gelehrt, dass der Mensch durch Liebe Gottes ohne Kirche selig werden könne?“ Taktik: Vorhalten von angeblichen Aussagen
Prüfen auf Lehrabweichungen, nicht auf Zauber.
Theologische Disputation.
4. Beispiel aus den Waldenserverhören
Frage: „Hast du behauptet, dass die Sakramente der römischen Kirche keine Wirkung haben?“
Angeklagter: „Ich habe gesagt, dass sie nichts nützen, wenn der Priester in Todsünde lebt.“Folge: Hier wurde auf die Lehre des Angeklagten eingegangen. Typischer Fokus: Korrektur, nicht sofortige Strafe. Fazit:
• Häresieverhöre waren stark auf Glaubensinhalte fokussiert, oft nach dem Muster eines theologischen Verhörs.
• Die Richter arbeiteten wie Glaubensprüfer, nicht als Hexenjäger.
• Sie suchten falsche Lehre, nicht „Beweise“ für Zauberei.
• Die Taktik war eher argumentativ und auf Rückführung zur Kirche ausgerichtet — wenngleich Folter auch hier später (vor allem ab dem 14. Jh.) angewandt wurde.
** Ausschnitt aus dem Prozessprotokoll
(Quelle: Zusammenfassung aus den Akten des Bischofs von Cambrai und des Inquisitors von Paris)
Inquisitor:
„Glaubst du, dass der Mensch, der vollkommen in Gottes Liebe aufgeht, keiner Kirche, keiner Sakramente, keiner äußeren Werke mehr bedarf?“
Marguerite: „Ich habe das so nie gelehrt.“ Inquisitor (nach mehreren Befragungen):
„Aber in deinem Buch heißt es: ‚Die Seele, die in der göttlichen Liebe stillsteht, braucht weder Kirche noch Sakramente.‘ Gibst du das zu?“ Marguerite: „Das Buch spricht nicht in meinem Namen, sondern im Namen der Liebe.“Ergebnis des Prozesses:
• Marguerite verweigerte jede klare Antwort. Ihr hartnäckiges Schweigen wurde als Beweis für ihr „Verderben“ gesehen.
• Sie wurde der unbelehrbaren Häresie für schuldig gesprochen.
• Urteil: Verbrennung auf dem Scheiterhaufen (1310 in Paris).
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