Freie Spiritualität der Beginen






YouTube-Video über die Beginen-Spiritualität 
von Uta-Maria Freckmann

In diesem Video auf dem "Beginen heute Kanal" geht es um die Freie Spiritualität der Beginen, um die es in der Vergangenheit viele Missverständnisse gab. 

Es zeigt auf, wie sie heute gelebt werden kann, was sie für die historischen Beginen bedeutete und welchen Hintergrund und Ursprung sie hatte. 

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Wer lieber liest als Videos anzuschauen, der kann in diesem Text ausführliche Erklärungen finden:


Die freie Spiritualität der Beginen

2026 © Uta-Maria Freckmann

Vor kurzem wurde ein Text von Manuela Schindler, der spirituellen Leiterin des Beginenhof-Nordhastedt online veröffentlicht, den ich gleich zum besseren Verständnis einfügen werde. Es geht dabei um die Verwirrung, die durch diverse religiöse Richtungen und die freie Spiritualität der Beginen entstanden ist. Aus meiner Sicht wurde da viel missverstanden und unglücklich vermengt. 

Dieser Text sortiert und bringt ein tieferes Verständnis in die diversen Lebensperspektiven, die es heute in den modernen Beginenhöfen gibt. Der darauffolgende Beitrag beleuchtet die Hintergründe im modernen Beginenwesen wie auch das Leben der Frauen im Mittelalter, um mehr Akzeptanz für die Frauen im Mittelalter zu bekommen, deren Lebensentwürfe extrem begrenzt waren. Es wird ein Bezug von der damaligen Spiritualität zu heutigen modernen Erkenntnissen hergestellt. 

Hier nun der Text von Manuela Schindler:

Kirchliche Frauen, wie Nonnen? Oder gar nicht spirituell? Oder irgendetwas dazwischen?

Selbst innerhalb der Beginenbewegung gibt es viele unterschiedliche Vorlieben, was zu teilweise erheblichen Missverständnissen führt.
In jüngster Vergangenheit erzählte Uta-Maria Freckmann (Redakteurin der "Beginen heute"), dass z.B. australische Beginen nicht gut fänden, dass in Deutschland der Beginenweg zu "säkularisiert sei".
Tatsächlich sperren sich einige Beginen in Deutschland gegen Spiritualität und gegen Gott, weil sie Gottesfreundschaft automatisch mit Kirche und Religion gleichsetzen, und die im Mittelalter zwangsweise erfolgte Vereinnahmung der Beginenbewegung durch die Kirche zutiefst ablehnen. Man muss verstehen, dass viele Beginen das auf keinen Fall wiederholen wollen.
Einige davon reduzieren sich in vielen Fällen nur auf das Wohnen von Frauen in gemeinschaftlichen Höfen. Wiederum andere, und dazu gehören wir, leben spirituelle Werte, Gebote und Nachfolge Christi, mit esoterischen Elementen und OHNE einer Religion anzugehören, da uns diese zu eng und dogmatisch ist.

Ich finde, dass alles erlaubt sein muss, um im Gesamtbild das Wesen der Beginen wiederzufinden: frei zu sein, möglichst ohne Fremdbestimmung ein wertevolles Leben zu führen, ohne Gängelung durch Männer.

Die Spiritualität so zu leben, wie es gefällt, ohne dass alle Beginen in allen Höfen auch so leben müssen: Gerade die verschiedenen Schwerpunkte der einzelnen Höfe machen diese Bewegung doch so reizvoll und bunt!

Ich finde aber auch, dass die verschiedenen Beginenrichtungen zusammenfinden sollten, denn nur als Ganzes wird die Wirkkraft gesteigert und können Synergien entstehen, die das Lebensmodell der Beginen auch für jüngere Frauen reizvoll machen.
Wenn wir wollen, dass der Beginenweg weitergeht und eine Zukunft hat, geht es nicht anders.
Ich wünsche mir von Herzen, dass hier eine Einigung untereinander entstehen darf und wir ein offenes Miteinander verwirklichen, einander fördern und lernen, die verschiedenen Modelle unter einen Hut zu bringen. Das ist mein großer Wunsch für die Zukunft, und ich stehe sicherlich nicht allein damit da.    

ENDE des Textes von Manuela Schindler

Dieser Text spricht mir sehr aus dem Herzen, da ich sowohl im Gespräch mit vielen Menschen in meinem ehemaligen Projekt Lebensquell, als auch im Austausch mit Beginen, immer wieder gehört habe, dass man mit den Religionen zeitgleich Gott abgelehnt hat. Dogmen und Lehrmeinungen sind zumeist menschengemacht und sind deshalb zu hinterfragen. Da es nur einen Gott gibt, ist er für alle Menschen da und steht über allem. 

Wie leben einige Beginen ihre freie Spiritualität heute?

Diese Lebensweise geht einher mit Selbsterkenntnis, Reflexion und den Lehren Christi. Werte, Ethik, Tugenden und beständige Selbstprüfung begleiten als lebenslangen Prozess auf diesem Weg. Das geschieht ohne Druck und Zwang. Inwieweit eine Begine sich darauf einlassen möchte, ist dem freien Willen einer jeden geschuldet. Das Ziel ist, die Nähe zu Gott zu suchen und dabei dem inneren Seelenkern zu folgen. Heute ist das eigentlich selbstverständlich und gilt als Binsenweisheit. Niemand zweifelt mehr an, dass man auf sich selbst hören sollte. Die Beschäftigung mit den Polaritäten ist ebenfalls eine Möglichkeit der Reflexion, da so ein Mittelweg erkannt und das Leben ausbalanciert werden kann.

So wie Marguerite Porete es in ihrem Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ beschrieb – man braucht keine äußeren Reglements mehr, weil man nur noch der inneren Stimme und damit Gott folgt. Dieser gesamte Ablauf wird auch „auf die Intuition hören“ genannt, oder „der inneren Stimme folgen“. Wobei das etwas irreführend ist, denn es ist ja keine „Stimme“, sondern unmittelbares inneres Wissen.

Die KIs definieren dies so:

ChatGPT: Freie Spiritualität vertraut darauf, dass der Zugang zum Göttlichen jedem Menschen unmittelbar offensteht und der persönliche Weg der Gotteserfahrung eine eigene Würde besitzt.

Gemini: Der Begriff „freie Spiritualität“ bezeichnet eine Form des geistigen oder spirituellen Lebens, die sich bewusst von starren Dogmen, festen Institutionen und traditionellen Hierarchien löst. 

Bei Gemini wird ein historischer Querbezug genannt: Der Drang nach freier Spiritualität ist kein rein modernes Phänomen. Schon die mittelalterliche Mystik oder die Beginen-Bewegung lebten im Kern eine frühe, mutige Form davon: Sie suchten die direkte, unmittelbare Verbindung zu Gott und ein selbstbestimmtes, spirituelles Leben in Gemeinschaft – ganz ohne den Kontrollanspruch der klerikalen Amtskirche. Es gibt keine mittelalterliche Quelle, in der die Beginen selbst sagen: „Wir praktizieren freie Spiritualität.“ Das wäre anachronistisch. Der Begriff ist modern (laut Wikipedia um 1950 entstanden  Anmerkung U.F.) – aber er beschreibt treffend, was Historiker und Historikerinnen über die Beginen herausgearbeitet haben.

Copilot: Freie Spiritualität bedeutet im Kern: ein spiritueller Weg, der nicht an feste Dogmen, Institutionen oder vorgeschriebene Glaubenssätze gebunden ist, sondern aus persönlicher Erfahrung, innerer Freiheit und individueller Sinnsuche entsteht.

Die Vielfalt des Beginenwesens

Dazu sei noch gesagt, dass die Vielfalt ein Merkmal des Beginenwesens war und ist. Alle Lebensentwürfe der Beginen sind wichtig und haben Relevanz. Wenn man die Leben der Frauen damals mit heute vergleicht, sieht man, dass auch heute noch viel Ungerechtigkeit und Ungleichheit herrschen. Das ist ein weites Feld, an dem alle Frauen gemeinsam wirken können, denn da gibt es noch viel zu tun. Das kann man als Frau durch seine Lebensweise zum Ausdruck bringen, indem man autark lebt und selbstbestimmt bleibt. Diese Möglichkeit wird in allen Beginenhöfen geboten. Gemeinschaft ist eine Herausforderung, denn Konsens zu finden, bedeutet oft Selbstüberwindung und sich in die anderen hineinversetzen zu können, um andere Standpunkte zu verstehen. 

Beginen ab dem Jahr 1200

Schauen wir jetzt mal ins Mittelalter – wie lebten sie damals diese Form der Spiritualität, die sich heute freie Spiritualität nennt? Viele Beginen schrieben Bücher, predigten oder legten die Bibel aus eigener Erfahrung aus, was kirchliches Missfallen erregte. Im Mittelalter wurde dies beispielsweise durch Marguerite Porete und Meister Eckhardt vertreten, die sich wohl kannten und ähnliche Ansichten vertraten. So wie Marguerite Porete es in ihrem Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ beschrieb - man braucht keine äußeren Reglements mehr, weil man nur noch der inneren Stimme und damit Gott folgt. Irgendwann, so schrieb sie, braucht man auch den Tugenden nicht mehr zu folgen, einfach deshalb, weil man selbst zur Tugend geworden ist. Auch die Katharer standen damals für diese spirituelle Richtung und wurden dafür als Häretiker verfolgt.

Natürlich kann das, was Marguerite Porete in ihrem Buch beschrieben hat, auch missverstanden werden! Das ist ja generell bei allen Dingen so. 

Der eine oder andere meinte vielleicht damals, dass äußere Regeln für ihn nicht mehr gelten würden, weil er glaubte, schon so weit fortgeschritten zu sein. Marguerite hat in ihrem Buch zwar am Anfang deutlich gemacht, wie sie es genau meint, aber dies später nicht erneut erklärt. Woraufhin sie dann angeklagt und verurteilt wurde, weil einzelne Passagen aus ihrem Buch entnommen wurden. 

Die Kirche hatte möglicherweise Bedenken, dass das Volk in Anarchie verfallen könnte, weil sich alle schon für derart fortgeschritten hielten, dass sie gesellschaftlichen und kirchlichen Regeln nicht mehr zu folgen brauchten. Auch heute ist es möglich, den falschen Weisungen zu folgen, wenn nicht gelernt wurde, die Einflussebenen zu unterscheiden. Das war im Mittelalter so und ist auch heute noch ein Risiko. Das Buch „Kanal sein“ von Manuela Schindler, beschreibt die Einflussebenen und vermittelt Unterscheidungsvermögen. 

Deshalb setzte die Kirche die „Gabe der Unterscheidung“ dagegen. - Um diese falschen Visionen und Entrückungen von den echten, von Gott gesandten zu unterscheiden, entwickelte die christliche Tradition – besonders in Klöstern – hochdifferenzierte Formen der discretio spirituum, also der „Unterscheidung der Geister“, was nicht nur damals, sondern auch noch heute zur Prüfung seiner Wahrnehmungen sinnvoll sein kann. 

Vor allem Wüstenmütter und ‑väter, Benediktiner, Zisterzienser und später andere Orden gingen davon aus, dass nicht jede Vision, Eingebung oder Ekstase göttlichen Ursprungs sei. Man prüfte daher genau die inneren Zustände während der Visionen: Wie verhielt sich die Visionärin, zeigte sie Demut, behielt sie innere Ruhe, Beständigkeit? War sie frei von Eitelkeit und zeigte ihr Leben entsprechende Früchte? Starke Selbstdarstellung, Sensationslust oder emotionale Übersteigerung galten oft als Warnzeichen für Täuschung. Das war übrigens nicht unbedingt frauenfeindlich gemeint, sondern Teil einer allgemeinen asketischen Vorsicht gegenüber religiösen Erfahrungen. Die Erfahrungen hatten gezeigt, dass Visionen vom Bösen gelenkt werden konnten. Dagegen suchte man anzugehen. 

Weiterhin könnte die Sorge im Raum gestanden haben, dass, wenn jede oder jeder Gott in sich selbst finden kann, die Kirche mit ihren geistlichen Amtsträgern, als Mittler zwischen Gott und dem Menschen, nicht mehr gefragt sein könnte.
   

Beginen- Spiritualität und die Wüstenmütter und Wüstenväter

Wie man dem Christus nachfolgt, ist schon von den Wüstenmüttern (und Wüstenvätern) um das dritte Jahrhundert nach Christi praktisch erprobt worden. Das waren Gott suchende Laien. Sie zogen sich in die Wüste zurück und gelangten durch Kontemplation und innere Schau zu der Erfahrung, dass Gott den Menschen sehr nahe ist. Viele Mystikerinnen und Mystiker gingen aus ihnen hervor. Viele dieser spirituellen Bewegungen wurden im Laufe der Zeit von der Kirche stärker institutionell eingebunden und manche von ihnen organisierten sich später in Klöstern und Orden. 

Auch aus der spirituellen Perspektive der Wüstenmütter heraus brauchte es keinen Mittler für die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Von den Wüstenmüttern (genannt Ammas) sind uns sogar einige Sinnsprüche erhalten geblieben. Dies wohl deshalb, weil sie so sehr verehrt wurden. Einige der bekanntesten Wüstenmütter sind:

Amma Syncletica

Sie sagte sinngemäß: „Wie ein Schatz den Räubern preisgegeben ist, wenn er offen daliegt, so geht die Tugend verloren, wenn sie öffentlich zur Schau gestellt wird.“
Oder:
„Am Anfang ist der geistliche Weg mühsam und voller Kampf. Später aber kommt unaussprechliche Freude.“ 

Sie betonte immer wieder Ausdauer, Demut und innere Läuterung.

Amma Sarah

Als einige Mönche ihre Demut prüfen wollten, sagte sie: „Meiner Natur nach bin ich eine Frau, aber nicht meinem Denken nach.“
Ein weiterer überlieferter Ausspruch von ihr:
„Ich habe Gott gebeten, alle Menschen mögen gerettet werden; nur gegen die Gedanken muss ich kämpfen.“ Hier geht es um die innere Auseinandersetzung mit Versuchungen und Ablenkungen und mentale Stärke.

Amma Theodora

„Weder Askese noch Mühsal noch irgendeine Anstrengung rettet den Menschen, sondern allein wahre Demut.“
Und:
 „Es ist gut zu lehren, wenn man zuerst getan hat, was man lehrt.“

Und zuletzt Amma Matrona - Von ihr sind weniger Aussprüche erhalten, doch sie steht für die Verbindung von innerem Gebet, Arbeit und Selbstdisziplin.

Gemeinsame Grundthemen der Wüstenmütter sind

Demut statt Selbstdarstellung;
Innere Stille;
Wachheit gegenüber den eigenen Gedanken;
Mitgefühl;
Beharrlichkeit auf dem spirituellen Weg;
Die Erfahrung Gottes im Inneren statt im Äußeren;

Viele Beginen lebten in einer Spiritualität, die die unmittelbare Gottesbeziehung des Menschen betonte, was diesen Konzepten nahestand. Zudem befürworteten Beginen den aktiven Dienst am nächsten, der ihrer Meinung nach ein weiterer Grundpfeiler war, um spirituell zu wachsen. Sich in ein Kloster zurückzuziehen, fernab der Notleidenden, entsprach nicht ihren Vorstellungen von Christi Nachfolge. 

Aus heutiger Sicht erinnern diese Vorgehensweisen der Wüstenmütter an die Formen freier Spiritualität. Diese ist unabhängig von einer bestimmten Religion; sie kann religiöse Elemente integrieren, muss es aber nicht. Sie beruht vornehmlich auf Selbsterkenntnis, das Leben der Tugenden und innerem Gebet. Teresa von Ávila nannte es Herzensgebet. Womit gemeint sein könnte, dass man Gott beständig in sein Leben einlädt und sich an ihn wendet. 

Merkmale freier Spiritualität

Wo lagen denn jetzt genau die Unterschiede zwischen der Vorgehensweise der Kirche und einer freiheitlich orientierten Spiritualität? 

Der Schwerpunkt der Wüstenmütter und Wüstenväter lag auf unmittelbarer Gotteserfahrung und innerer Umwandlung. 

Ihre Lebensweise beinhaltete einen Rückzug aus gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen. 

Ihre Praxis war getragen von Stille, Gebet, Askese, Wachsamkeit und Selbsterkenntnis. 

Sie bemühten sich überall ein Mittelmaß zu finden, sich auch in der Askese nicht selbst zu schaden.  

Autorität beruhte vor allem auf spiritueller Reife und Lebenserfahrung, nicht auf einem Amt. 

Ihr Ziel war die Reinigung des Herzens und die Vereinigung mit Gott. Besonders bemerkenswert ist, dass die Wüstenmütter selten über Theorien sprechen. Ihre Aussprüche sind zumeist sehr praktisch und erfahrungsbezogen. Sie sprechen aus einer gelebten Spiritualität heraus und nicht aus theologischer Spekulation.

Merkmale klerikaler Religiosität

Der Schwerpunkt des Klerus lag dagegen auf Amt, Lehre, Sakramenten und kirchlicher Ordnung. 

Sie trugen die Verantwortung für Gemeinden, Liturgie und Verwaltung. 

Ihre Autorität beruhte auf Weihe und kirchlichem Amt. 

Ihr spirituelles Leben war stärker in institutionelle Strukturen eingebunden. 

Ihr Ziel war neben der persönlichen Frömmigkeit auch die Bewahrung und Weitergabe des Glaubens innerhalb der Kirche. 

Dazu bedurfte es eines Amtsträgers der Kirche, als Mittler zwischen Gott und dem Menschen. 

Historisch gesehen waren die Wüstenväter und Wüstenmütter keineswegs gegen die Kirche. Sie setzten jedoch andere Schwerpunkte. Während der Klerus das kirchliche Leben organisierte, suchten sie vor allem den direkten Weg der inneren Gottesbegegnung und der spirituellen Praxis. Viele spätere mystische und monastische Traditionen knüpften an dieses Erbe an, so auch die Beginen. Sie alle taten dies, um Christus nachzufolgen. 

Die Beginen wurden extrem zurückgedrängt, konnten aber nicht vollständig reduziert werden. Eine Idee, die zeitgleich praktisch in der ganzen Welt Ausdruck fand, OHNE dass eine Organisation dahinterstand, deutet auf einen Seelenimpuls hin. Solch ein Impuls lässt sich nicht "vollständig vernichten“. Ein Seelenimpuls erschafft sich immer wieder neu, ähnlich wie Phoenix aus der Asche. Viele Forscher (Simons; Grundmann; Tine de Moor) argumentieren, dass die fehlende zentrale Organisation die Kontrolle erschwerte. Verfolgung und vollständige Unterdrückung waren deshalb nicht so einfach zu bewerkstelligen.
Tanja Bras meinte in ihrem Buch genau das Gegenteil, nämlich, dass eine Organisation verhindert hätte, dass die Beginen verfolgt worden wären. Wie es nun genau war, darüber kann ein jeder, eine jede sich selbst ein Bild machen.

Unterschiedliche Schwerpunkte in den Höfen

Eine freie Spiritualität nach historischem Vorbild wird beispielsweise im Beginenhof Nordhastedt gelebt. Der Hof hat einen intensiven Gottesbezug, versteht sich jedoch als frei-spirituell und nicht religiös gebunden. Derzeit arbeiten dort drei Beginen zusammen, um ihre Projekte voranzubringen. Die bewusste Ausrichtung auf gemeinsame Ziele ist für die Gemeinschaft wesentlich. Sie hilft, Durststrecken zu überwinden, persönliche Interessen zurückzustellen und immer wieder einen Konsens zu finden. 

In einigen Beginenhöfen werden die Unterstützung im Alter und das gemeinsame Wohnen betont. Wenn man auf die heutigen Altenheime und Angebote für Senioren sieht, ist das wohl die größte soziale Aufgabe, der wir gegenüberstehen. Wenn sich dort jemand engagiert, ist das ein großer Segen! Inwieweit dabei die eigene Spiritualität betont wird oder nicht, ist doch einer jeden selbst überlassen. Das soziale Engagement selbst IST doch schon praktizierte Nächstenliebe und damit Spiritualität im Alltag. Dieser neue Geist, der gegenseitigen Unterstützung ist in diesen Zeiten unglaublich wertvoll und unverzichtbar.

Andere Höfe engagieren sich politisch, gehen auf die Straße und verteilen Flyer und demonstrieren Stärke für eine Sache, hinter der sie stehen und die sie unterstützen möchten. Manche wollen Kultur und Kunst fokussieren und bringen dies zum Ausdruck. Unglaublich wertvoll für die heutige Zeit, in der sich Wegducken oder einfach gegen alles sein, immer mehr zunehmen. 

So sind Beginen heutzutage bemüht, ihr Leben nach Werten auszurichten. Da Freiwilligkeit ein wichtiger Bestandteil ist auf dem Weg, wird das Tempo vom Ermessen einer jeden selbst bestimmt. Die freie Spiritualität, wie sie heute zumeist genannt wird, bietet eine Möglichkeit, den ganz eigenen Weg zu finden, außerhalb von Dogmen und patriarchalen Strukturen.


Quellen
Buch „Wüstenmütter“; Internetrecherche; Gespräche mit diversen Beginenhöfen; Buch „Kanal Sein“ von Manuela Schindler; Homepage vom Beginenhof-Nordhastedt

Weiterführende Literatur:
Walter Simons Cities of Ladies – Standardwerk zu den Beginengemeinschaften der Niederlande und Flanderns.
Herbert Grundmann Religiöse Bewegungen im Mittelalter – Grundlagenwerk zur religiösen Laienbewegung des Mittelalters, einschließlich der Beginen.
Frank-Michael Reichstein Das Beginenwesen in Deutschland – ursprünglich Dissertation an der Technischen Universität Berlin (2001), erweiterte Buchausgabe 2017. Umfassendste Untersuchung zum deutschen Raum.
Tine De Moor Single, Safe, and Sorry? Explaining the Early Modern Beguine Movement in the Low Countries – Analyse der langfristigen Stabilität und Selbstorganisation der Beginen.
Tanja Bras Examensarbeit aus dem Jahr 2003Die Beginen – Eine Frauenbewegung im Mittelalter“.