Entstehung des Dachverbandes der Beginen
Die Anfänge der neuen Beginenbewegung
© Von Waltraud Pohlen, Vorstand Dachverband der Beginen e.V., Mai 2026
Einige der neuen gesellschaftlichen Bewegungen und Veränderungen am Ende des 20. Jahrhunderts waren wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung einer neuen Beginenbewegung in Deutschland:
- Neugierige Frauen qualifizierten sich durch „Frauenstudien“ an den Universitäten und stellten mit ihrem Wissen und ihrem Blick alte Wahrheiten in Frage.
- Spirituell interessierte Frauen gründeten die „Frauenkirche e.V.“, da sie in den etablierten Kirchen für sich keine Heimat mehr fanden.
- Die „Feministische Partei DIE FRAUEN“ vernetzte kritische Frauen, die eine gerechtere Teilhabe an gesellschaftlicher Verantwortung forderten.
In unterschiedlichen Zusammenhängen spürten Frauen eine regelrechte Aufbruch-Stimmung, die mit dem Gefühl einherging, dass Veränderungen nötig, möglich und machbar sind. Manche sprachen davon, die patriarchale „Welt vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen“. Dabei stellten sie eine große Bandbreite von Forderungen: Sie wollten eine feministische Theologie, frauengerechte Sprache, eine angemessene Medizin, die nicht Männerkörper als Norm festlegt, sensible Rechtsprechung, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, gerechte Aufteilung der Haus- und Pflegearbeit, sie interessierten sich für eine Frauen-Geschichtsforschung, der Her-story, entdeckten bis dahin weitgehend unbekannte kunstschaffende Frauen, sie legten Wert auf Literatur aus Frauenperspektive …
Für die Entstehung der Beginenbewegung war insbesondere die „Frauenkirche“ ausschlaggebend, denn mit der Entdeckung der Weiblichkeit Gottes, einer weiblichen Schöpfungskraft, entwickelten Frauen Bilder einer neuen Realität und bekamen die Kraft und Zuversicht, eine frauengerechte Welt zu realisieren. Der Wunsch diese neu gewonnene geistige Freiheit weiter zu vermitteln, führte zu der Idee, ähnlich wie die inzwischen entstandenen Frauenferienhäuser auf dem Land, innerhalb der Städte Frauenbildungshäuser zu gründen. Hier sollten Frauen unter einem Dach leben, vieles miteinander teilen und ihre jeweiligen Fähigkeiten einsetzen können.
Und auf einmal entdeckten die Frauen die Parallele zu den historischen Beginen, die vermutet genau das gleiche Anliegen hatten. Sie forschten daraufhin ganz gezielt und fanden die Bestätigung, dass schon ab dem 12. bzw. 13. Jahrhundert Frauen auf der Suche nach einer religiösen Gemeinschaft ohne klösterliche Klausur, Beginengemeinschaften in wirtschaftlicher Eigenständigkeit gründeten. Bestärkt durch die in der Geschichte überlieferte große Vielfalt der räumlich weit verbreiteten Gemeinschaften und deren Veränderungen im Lauf der Jahrhunderte ihres Bestehens, entschieden sie sich dafür, ihre neuen Gemeinschaften in der Tradition der historischen Beginen als „Beginenhöfe“ zu bezeichnen.
Nachdem ein Beginenhof in Mülheim/ Ruhr scheiterte, entstanden 1998 die ersten Projekte in Tännich, nahe Erfurt und Bremen. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es erste Überlegungen zur Vernetzung und damit der Gründung eines Dachverbandes. Diesen haben engagierte Frauen aus unterschiedlichen Zusammenhängen 2004 gemeinsam in Kassel gegründet, der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Es folgten die Gründungen der Beginenhöfe in Schwerte, Bielefeld, Dortmund, Essen, Bochum, Unna, Köln, Tübingen, im Kloster Malgarten, Bocholt und Delbrück, die alle mit ihrer Namensgebung, die historische Beginenbewegung wieder ins Bewusstsein bringen. Einige der Initiatorinnen begründeten ihre Gemeinschaft bewusst als spirituelle Gruppe.
Schon während der teilweise sehr langwierigen Projektentwicklungszeiten haben Frauen Reisen nach Flandern zu den historischen Beginenhöfen unternommen. Da es in Deutschland nur noch wenige Erinnerungen oder museale Reste aus der Zeit gibt, war es ihnen wichtig, die Bedeutung der überlieferten Bewegung durch Besuche der im Weltkulturerbe befindlichen Beginenhöfe in den Niederlanden und Belgien zu erfahren. Mittlerweile bietet der Dachverband der Beginen e.V. jedes Jahr eine Beginenreise an. Nach intensiver Forschung in Archiven und Stadtverwaltungen haben inzwischen sogar Reisen in verschiedenen Regionen Deutschlands und eine Reise in die Schweiz stattgefunden.
Durch diese Reisen und Vorreisen sind zahlreiche persönliche Kontakte entstanden und das Interesse nach einem Austausch ist gewachsen. Die historischen Beginenhöfe in Flandern spiegeln die damaligen Gegebenheiten wider, die neue Beginenbewegung in Deutschland hat für ihren Alltag neuzeitliche Konzepte für ein Zusammenleben nach dem Vorbild den historischen Vorbildern entwickelt.
Weitere Kontakte entstanden durch die beiden Internationalen Tagungen zu Beginen, die der Dachverband 2020 und 2023 mit ReferentInnen aus Deutschland, der Schweiz, Belgien, den USA und Italien organisiert hat.
Das Interesse an einem gemeinschaftlichen Zusammenleben nach dem Vorbild der historischen Beginen ist anhaltend groß. Zahlreiche Frauen setzen sich dafür ein, auch in ihrer Stadt oder Region ein Beginenprojekt zu realisieren, der Beratungsbedarf steigt. Typisch für ihr Motiv ist der Wunsch, zum einen gut für sich zu sorgen und ihrem Bedürfnis nach einer spirituellen Gemeinschaft RAUM zu geben. Zum anderen wollen sie sich mit ihren Fähigkeiten über das eigene Projekt hinaus für eine enkeltaugliche Zukunft engagieren und das ist mit Gleichgesinnten erfolgreicher und macht mehr Freude.
Wir haben durch die Erfahrungen von 20 neuen Beginenhöfen, Lösungen für viele gesellschaftliche Herausforderungen erprobt, die inzwischen auch wissenschaftlich anerkannt sind. Das Zusammenleben innerhalb einer Beginengemeinschaft hat einen großen gesellschaftlichen Nutzen, denn es ist kostengünstiger, klimafreundlicher, beugt einer Vereinsamung - die es in jedem Alter gibt - vor, macht mehr Freude und ist ein Gewinn für jede Stadt, da hier das bürgerschaftliche Engagement gefördert und gelebt wird.
Der Dachverband der Beginen e.V. fordert daher, dieses Engagement von Frauen durch die zuständigen Behörden und Gremien wesentlich mehr zu unterstützen und zu fördern.
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